Gewichtshilfen

Um die Gewichtshilfen zu erklären muss ich einen kleinen Ausflug in die Physik machen – keine Angst, es wird nicht kompliziert.

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Stell Dir vor Du trägst einen schweren Koffer in der linken Hand (Du kannst es auch zu Hause einfach mal machen, das ist ein richtiger Augenöffner!). Nun gehst Du ein paar Schritte seitwärts nach links, so dass Deine Beine kreuzen – das wird relativ einfach sein. Als nächstes gehst Du ein paar Schritte seitwärts nach rechts. Auch das geht, aber Du wirst Dich dabei unwohl fühlen. Irgendwas passt nicht. Und wenn Dein Koffer richtig schwer ist wird dieses Gefühl nur noch stärker.

Warum fühlst Du Dich also beim nach rechts Gehen unwohl?

Ganz einfach: Auf Deiner linken Seite ist durch den Koffer mehr Gewicht. Du stehst fest mit dem linken Bein auf dem Boden. Es ist kein Problem, das rechte Bein anzuheben und in Richtung des Gewichts des Koffers zu bewegen, eben weil das Gewicht mit dem linken Bein getragen wird. Umgekehrt ist es aber dann so, dass Du – wenn Du das linke Bein bewegen willst – das Gewicht durch Anstrengung und Muskelkraft mit dem rechten Bein tragen musst. Das ist schwer, weil Du mit dem rechten Bein nicht unter dem Gewicht des Koffers bist.

Ein weiteres Beispiel, welches man oft hört: Stell Dir vor Du trägst ein Tablett mit Gläsern in der linken Hand. Wenn Du das Tablett nicht ganz gerade hälst rutschen die Gläser nach links. Damit Dir die Gläser nicht herunterfallen musst Du Dich nach links bewegen um das Gleichgewicht wieder herzustellen.

 

Pferde versuchen instinktiv im Gleichgewicht zu bleiben

Deinem Pferd geht es ganz genauso wie Dir: Es versucht immer sein Gleichgewicht zu behalten. Wenn Du als Reiter Dein Gewicht nach links verlagerst wird es sich einfacher nach links bewegen können.

Ein ganz logisches Prinzip, welches aber leider oft ignoriert bzw. nicht gelehrt wird.

Wie oft habe ich in der Volte, mit dem Gewicht nach innen, versucht das Pferd mit dem Schenkel nach außen zu drücken um die Volte zu vergrößern. Gut funktioniert hat das nicht und es war furchtbar anstrengend. Versteht man die Physik hinter den Gewichtshilfen ist klar, dass man sein Gewicht zum Volte vergrößern nach außen verlagern muss.

Ähnlich sieht es beim Schulterherein aus. Ich habe ursprünglich gelernt, dass man beim Schulterherein gegen die Bewegungsrichtung sitzen soll und das Pferd in die richtige Richtung “schiebt”. Das ist aber genau entgegengesetzt zu dem, was man – physikalisch gesehen – machen sollte. Mein Pferd hat es zwar gemacht, aber es war immer irgendwie anstengend. Seit ich beim Schulterherein mein Gewicht in Bewegungsrichtung verlagere fällt es uns beiden sehr viel leichter.

Lesetipp: Bei pferde-freunde.com gibt es einen tollen Artikel über das Schulterherein.

 

So setzt Du die Gewichtshilfen richtig ein

Das Pferd möchte instinktiv immer im Gleichgewicht sein. Wenn Du das und das physikalische Prinzip hinter den Gewichtshilfen verstanden hast, muss Dir eigentlich niemand mehr die Gewichtshilfen für die unterschiedlichen Übungen sagen. Du wirst sie ganz logisch so einsetzen, dass Du es Deinem Pferd leicht machst in die richtige Richtung zu gehen. Willst Du, dass Dein Pferd nach rechts geht wirst Du auch rechts vermehrt sitzen.

Viele Reiter beugen sich vor, damit das Pferd schneller wird – zum Beispiel beim Angaloppieren. Wenn wir das wieder mit dem Physik-Gedanken betrachten reagiert das Pferd logisch: das Reitergewicht verlagert sich nach vorne und das Pferd muss ihm “hinterherrennen” um im Gleichgewicht zu bleiben. Der große Nachteil dabei ist, dass das Pferd damit verstärkt auf die Vorhand kommt und nicht mehr mit der Hinterhand untertritt. Wenn Du möchtest, dass Dein Pferd langfristig gesund bleibt, solltest Du Dich zum Beschleunigen nicht nach vorne lehnen.

Um das Gewicht auf eine Seite zu verlagern solltest Du Dich auf keinen Fall zur Seite lehnen – Du sitzt auf einem Pferd, nicht auf einem Fahrrad. Das Gewicht nach rechts zu verlagern bedeutet, dass Du den rechten Sitzhöcker mehr belastest. Das ist nur eine kleine, kaum sichtbare Bewegung mit der Hüfte. Üben kannst Du das, indem Du Dich so auf Deine Hände setzt, dass Du die Sitzhöcker spürst. Nun versuchst Du einen Sitzhöcker stärker in Deine Hand zu drücken als den anderen und dabei im Oberkörper gerade zu bleiben. Genau diese Bewegung musst Du dann auch auf dem Pferd machen.

Das alles ist übrigens nicht auf meinem Mist gewachsen: schon vor hunderten von Jahren haben die Lehrmeister der klassischen Dressur diesen Einsatz der Gewichtshilfen empfohlen. Auch heute noch gibt es einige Verfechter dieses Einsatzes, einer davon Philippe Karl (nachzulesen z.B. in seinem Buch Irrwege der modernen Dressur: Die Suche nach einer klassischen Alternative*).

 

Zusammengefasst

  • Das Pferd wird sich instinktiv in die Richtung bewegen, in die Du Dein Gewicht verlagerst.
  • Du solltest also in der Regel in die Richtung sitzen, in die Dein Pferd sich bewegen soll.
  • Es ist wichtig, dass Du Deinen Oberkörper gerade hälst und nicht in der Hüfte abknickst.
  • Um Dein Gewicht zu verlagern ist nur eine kleine Bewegung der Hüfte nötig – belaste einen Sitzhöcker mehr als den anderen.
  • Lehne Dich nicht nach vorne um zu beschleuningen, das bringt Dein Pferd auf die Vorhand und ist auf Dauer schädlich.

 

Wie sieht’s bei Dir aus, hat Dein Reitlehrer Dir die Gewichtshilfen gut erklärt? Bei mir war es so, dass wir sie ohne Erklärung einfach auswendig lernen mussten…

*Auch hier möchte ich wieder darauf hinweisen, dass ich kein professioneller Trainer bin und jeder meine Empfehlungen auf eigene Gefahr durchführt. Ich empfehle immer einen erfahrenen Trainer vor Ort hinzuzuziehen! *

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17 KOMMENTARE

  1. Hallo Christina, ich bin nicht der Meinung, dass man in dieser Art Reiten sollte. So wie es erklärt wird, ist es das Ziel, durch den Gleichgewichtsverlust des Pferdes, das Pferd zu bewegen. Neben der Tatsache, dass ich dies keine gute Idee halte, wird dies in der Halle wohl noch, aber draußen sehr schlecht funktionieren. Ziel sollte m.E. sein, dass Pferd immer Gleichgewicht zu halten. LG Gerhard

    • Hallo Gerhard,

      da hast du mich falsch verstanden oder ich habe nicht gut genug erklärt: es geht nicht darum das Pferd aus dem Gleichgewicht zu bringen (das schafft man mit einer leichten Gewichtsverlagerung von einem Sitzbeinhöcker auf den Anderen auch eher nicht), sondern darum, dem Pferd den Wechsel in die angezeigte Richtung zu erleichtern, indem man sein Gewicht schon dort hin bewegt, wo das Pferd hin soll. Ansonsten hinge man mit seinem Gewicht nach.
      Diese Art der Gewichtshilfen wird übrigens von so ziemlich allen alten und neuen Reitmeistern vertreten, u.a. Philippe Karl und Claus Penquitt, deren Expertise ich sehr schätze ;-)

      Liebe Grüße,
      Christina

  2. Ich finde es sehr gut erklärt, weil ich hatte es nie so richtig verstanden. Es hätte ja auch sein können das wenn man nach links will das Gewicht nach rechts verlagern muss und das hat mich dann immer verunsichert. Aber jetzt ist es eigentlich sehr logisch. Danke ❤

  3. Endlich mal eine gute Erklärung!! Ich bin begeistert. Habe in einer Stunde Reitunterricht (bin absoluter Anfänger) und werde versuchen deinen Worten Folge zu leisten..LG

  4. Ich hatte vor ein paar Jahren einige Stunden Unterricht bei einer Westerntrainerin. Die hat mir ganau DAS, und genau SO, erklärt. Beim angallopieren hat sie mir erklärt, das Pferde auch dem Druck weichen. Also mein Gewicht als Druck etwas nach hinten, (richtig tief in den Sattel setzen)das richtige Kommando geben, und das Pferd gallopiert an. Vlg Petra

    • Hallo liebe Petra,

      freut mich zu hören, dass ich es scheinbar richtig erkläre ;-D
      Mit den richtigen Gewichtshilfen kann man sich eben auch schön die physikalischen Gesetze zu Nutze machen…

      Liebe Grüße,
      Christina

    • Hallo liebe Bärbel,

      danke für die netten Worte, freut mich, wenn ich helfen konnte =)

      Liebe Grüße,
      Christina

  5. Super erklärter Artikel. Das wurde mir bisher nie richtig erklärt. Schade es eigentlich, wenn man bedenkt, dass die Gewichtshilfen das A und O beim Reiten sind. Gerade das “über die Schulter weglaufen” die die ist deneke ich zu 100% ein vom Reiter gemachtes Problem, da er die Gewichtshilfen falsch anwendet.
    Danke für diesen tollen Artikel :).

    • Hallo liebe Vivien,

      danke für die netten Worte, freut mich, wenn ich weiterhelfen konnte =)
      Absolut! Zumal man das Gewicht immer einsetzt – ob man es bewusst macht oder nicht…

      Liebe Grüße,
      Christina

  6. Der Artikel ist sehr interessant, meine Reitlehrerin damals hat mir das eigentlich gar nicht so gut erklärt, das war eher so ein learning by doing ^^ und wen’s nicht gepasst hat wurde man angeschnauzt.
    Das behalte ich mir mal im Hinterkopf :)

    Lg

    • Das kenne ich von meinen Anfängen auch noch – die “anschnauzenden” Reitlehrer :’D
      (Wobei ich auch sagen muss, dass ich es deutlich schlimmer hätte treffen können)

      Liebe Grüße

  7. Hallo Christina,
    habe Deinen neuen Artikel über die Gewichtshilfen gelesen und muss dem beipflichten. Genauso sollten die Hilfen eingesetzt werden und die Wirkung folgt auf dem Fuß.

  8. “Das alles ist übrigens nicht auf meinem Mist gewachsen” – dein Mist hilft trotzdem ungemein sich die Hilfen noch mal so richtig vor Augen zu führen! Gestern habe ich mal deinen Tipp zum Aussitzen ausprobiert. Eigentlich klappt das auch so recht gut, aber ich hatte mir nie konkret Gedanken dazu gemacht, was da wie zusammenspielt, und deine Illustration hat mir das noch mal total verständlich gemacht. Mein größtes Problem beim Aussitzen ist nämlich eher, dass ich im Bauch “zusammenklappe” und mein Shirt eine Falte schlägt – laut Trainerin DAS Indiz für falsches Aussitzen! :D
    Danke Christina, für deine schönen Artikel! :)

    • Huhu Miri,

      schön von dir zu lesen :-D
      Das Problem mit dem Bauch kenne ich! Wenn ich nicht aufpasse passiert mir das auch, dann kommen die alten Bewegungsmuster wieder durch :’D

      Den Dank und das Lob kann ich glatt an dich zurückgeben, ich lese unheimlich gerne auf MeinFaible von dir! =)

      LG

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