Trainingsmethoden kombinieren - geht das?

„Horsemanship, Clickern, Dressur… Was machst du denn nun eigentlich, wo ordnest du dich ein?“ oder: „Wie du clickerst?! Ich dachte du bist Dressurreiter!“

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Diese Fragen bekomme ich in dieser oder einer ähnlichen Form relativ oft gestellt. Und ich verstehe gut, warum man mich manchmal nur schwer einordnen kann: immerhin schreibe ich viel über die Grundlagen der Dressur, aber auch immer wieder mal über Trainingsmethoden des Natural Horsemanship oder des Clickertrainings. Dabei bin ich aber kein Profi, sondern “nur” Freizeitreiter mit einer großen Ambition sich laufend Fortzubilden.

 

Verschiedene Trainingsmethoden kombinieren – geht das?

Prinzipiell denke ich: ja! In der Realität ist es aber nicht so einfach wie so mancher denkt. (Dazu weiter unten mehr.)

Ich sehe die verschiedenen Trainingsmethoden als Werkzeuge oder Wege, mit denen ich etwas erreichen möchte. Mit manchen Pferden ist der eine Weg einfacher zu beschreiten, mit anderen ein anderer. Oder ein bestimmtes Problem lässt sich mit dem einen Werkzeug angenehmer lösen als mit dem anderen.

Viele professionelle Trainer zucken aber – zu Recht – zusammen, wenn sie hören, dass man sich aus verschiedenen Trainingsmethoden Dinge zusammensucht. Das kann schnell schief gehen und man springt wie wild und zur großen Verwirrung des Pferdes alle paar Wochen von einer Methode zur nächsten.

Das Problem, wenn man „sich das Beste aus allen Wegen herauspicken“ möchte ist, dass man

  1. über alle Wege sehr gut Bescheid wissen muss, um zu wissen was man sich „isoliert“ herausnehmen kann (und ob das überhaupt geht) und
  2. einer beständigen Grundlinie treu bleiben muss, um sein Pferd nicht zu verwirren.

Man kann nicht ein paar Monate für eine bestimmte Lektion die Hilfen nach FN-Richtlinien geben und dann plötzlich auf andere Hilfen für die gleiche Lektion (etwa nach klassischer Dressur oder Westernreitweise) umschwenken – wie soll das Pferd das verstehen?

Auch wenn etwas nicht sofort funktioniert sollte man nicht von Methode zu Methode springen. Man darf nicht vergessen, dass man im Pferdetraining in Monaten und Jahren rechnen muss. Manche Dinge brauchen ihre Zeit und kein Methodenwechsel wird daran etwas ändern.

Andererseits finde ich es fatal, sich an einer Trainingsmethode festzuklammern und nicht mehr über den Tellerrand zu schauen. Wir und auch unsere Pferde sind sehr unterschiedlich und haben unterschiedliche Bedürfnisse. Eine Methode kann immer nur Richtlinie sein, manchmal muss man im individuellen Fall davon abweichen.

Lesetipp: Warum es nicht “die eine Wahrheit” beim Pferdetraining gibt!

 

Eine klare Grundlinie – überlege Dir, was Dir wichtig ist!

Im Dschungel der verschiedenen Ansätze und Trainingsmethoden nicht den Überblick zu verlieren ist schwer. Zumal jeder Verfechter seiner Methode davon überzeugt ist, dass seine die einzig Wahre ist. Da ist man schnell überfordert.

Deshalb finde ich es wichtig, eine in sich logische Grundphilosophie zu haben, die die ganz persönliche Richtung vorgibt. Jeder Reiter sollte sich im Klaren sein (und sich am besten aufschreiben), wie seine Philosophie aussieht. Was ist die Grundlage der Arbeit mit dem Pferd, welche Grundsätze hat man, welche Ziele, wie möchte man mit dem Pferd umgehen, worauf soll das Verhältnis zueinander bestehen?

Die Trainingsmethoden und Wege können und werden sich sicher über die Jahre ändern (ich gehe heute nicht mehr genauso an Dinge heran wie noch vor einem Jahr – man entwickelt sich stetig weiter und lernt dazu), aber die Grundphilosophie bleibt meist gleich. Für mich ist sie ein Kompass, etwas, anhand dessen ich erkenne, ob ich noch auf „meinem“ Weg bin und ob eine neue Methode zu meinem Weg passt. Eine solche Philosophie ist also etwas ganz individuelles und für jeden anders.

 

Meine Philosophie sieht in etwa so aus:

  • Ich halte mein Pferdetraining frei von physischer und psychischer Gewalt.
  • Ich reite nur Pferde, die physisch und psychisch dazu in der Lage sind. Ist ein Pferd z.B. zu wenig bemuskelt oder hat Angst vorm Reiter trainiere ich erst vom Boden aus.
  • Das Ziel meines Trainings ist die physische und psychische Gesunderhaltung des Pferdes (dazu gehört auch gemeinsam Spielen und Spaß haben ohne zu „arbeiten“).
  • Ich versuche so viele Dinge wie möglich über positive Verstärkung zu lösen (ich glaube jedoch nicht, dass man völlig auf negative Verstärkung verzichten kann. Mehr zum Thema positive vs. negative Verstärkung gibt es hier).
  • Ich möchte, dass das Verhältnis zwischen mir und dem Pferd auf gegenseitigem Respekt, Wohlwollen und Verständnis beruht.
  • Ich möchte, dass mein Pferd möglichst „sicher“ für sich, mich und seine Umgebung ist. Deshalb wird es entsprechend sozialisiert und erzogen und es werden klare Grenzen gesetzt.
  • Ich möchte, dass auch mein Pferd Freude an der gemeinsamen Arbeit hat. Hat es das dauerhaft nicht, muss ich etwas ändern.
  • Ich habe keinen Zeitdruck. Dauert etwas länger, dann ist das in Ordnung.
  • Wenn ich merke, dass ich ungeduldig werde schließe ich das Training ab.
  • Wenn ich gestresst bin und/oder keine Zeit habe trainiere ich nicht, sondern putze das Pferd, gehe spazieren oder setze mich einfach nur auf die Koppel.
  • Ich bin fit und flexibel und arbeite ständig an mir selbst, um einen guten Sitz zu gewährleisten.
  • Ich bilde mich stetig weiter fort.

 

Aber wo ordne ich mich denn nun ein?

Ich bin kein Profi, sondern Freizeitreiter. Trotzdem habe ich den Anspruch mein Pferd so gut wie möglich und gesunderhaltend zu reiten. Dazu gehört für mich ganz klar Gymnastizierung und Dressur.

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Herzenspferd-Empfehlung: Der Dressursitz: Richtig Sitzen – Feiner Reiten – Gesunder Pferderücken*

Im täglichen Training orientiere ich mich am ehesten in der Richtung der klassischen Dressur. Wie man in vielen meiner Artikel nachlesen kann, entscheide ich mich oft gegen die FN-Richtlinien, weil mir die klassische Herangehensweise logischer vorkommt und ich durchweg positive Erfahrungen damit gemacht habe. Besonders mein Besuch bei Klassikausbilderin Anja Beran im letzten Jahr hat mich darin noch einmal bestätigt – wer ihre Pferde durch den Sand tanzen sieht weiß warum.

Bei der Bodenarbeit entwickele ich mich immer mehr zur „Clickertante“ – aber nicht um Kunststücke zu erarbeiten, sondern um das Pferd an der Hand zu gymnastizieren, es auf seine Arbeit unter dem Sattel vorzubereiten und mit ihm mittels positiver Verstärkung auf angenehme Art zu kommunizieren und ihm Neues beizubringen. Seit neuestem kommen hier auch erste Versuche in der Freiarbeit hinzu.

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Bei bestimmten Problemen setze ich Methoden des Natural Horsemanship ein. Hierbei inspirieren mich besonders Mark Rashid und Ross Jacobs, deren Training von Verständnis und Ruhe geprägt ist.

Ich bin mir sicher: immer schaffe ich es nicht, konsistent zu sein und mein Pferd nicht zu verwirren. Ich gebe mein Bestes – mehr geht nicht. Meine Grundphilosophie hilft mir aber, sehr genau die Methoden auszusortieren, die in die für mich falsche Richtung gehen.

 

Fazit

Trainingsmethoden kombinieren – für mich geht das. Es erfordert aber viel Wissen über die jeweiligen Ansätze und ist nicht so einfach wie man denken könnte. Die Gefahr im Umgang mit dem Pferd unbeständig, chaotisch und unverständlich zu werden ist hoch.

Deshalb würde ich jedem Anfänger empfehlen, sich, basierend auf seinen Vorstellungen und Wünsche an den Umgang mit Pferden, eine Methode auszusuchen und erst mal bei dieser zu bleiben bis er sie erlernt hat.

 

Was denkst Du: Trainingsmethoden kombinieren – super oder Schwachsinn?

Was ist Deine Philosophie? Erzähl’s mir in den Kommentaren!

 

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11 KOMMENTARE

  1. Liebe Christina,
    dieser Artikel spricht mich mal wieder sehr an und bringt die grauen Zellen in Wallung (auch wenn er schon etwas älter ist).
    Ich bin aktuell in einer riesen Zwickmühle was die Art und Weise des Reitens betrifft.
    Mein 10-jähriger Hafi-Wallach wird seit ca. 6 Jahren Westerngeritten, ohne Turnierambitionen. Parallel arbeite ich seit ca. 4 Jahren mit einer Trainerin, mit der ich anfangs vor allem Arbeit am Knotenhalfter, dann Freiarbeit und aktuell viel Gymnastizierung an der Hand mache (Seitengänge und Vorbereitung zur Piaffe).
    Bedingt durch einen krankheitsbedingten Ausfall meiner Reitlehrerin (Western) habe ich mich in letzter Zeit mehr mit der klassischen Pferdeausbildung beschäftigt auch inspiriert durch meine Bodenarbeitstrainerin, bei der ich dann auch ein paar Mal Reitstunde genommen habe.

    Nun bin ich erst mal selbst völlig verwirrt und unsicher wo die Reise hingehen soll!
    Auf der einen Seite, das eher “lockere Westernreiten” mit beispielsweise eher tiefer Kopfhaltung, auf der anderen Seite das versammelte Arbeiten in höchster Konzentration und sehr erhaber Haltung.
    Jetzt überspitzt formuliert natürlich..

    Bin also erst mal auf der Suche nach der neuen Philosophie..

    Wie meinte meine Mutter kürzlich: Das klingt ja total kompliziert, ich dachte man geht in den Stall und reitet einfach ;-)

    Liebe Grüße
    Julia

  2. Hallo

    mir aus der Seele geredet. Als Freizeitreiter müssen wir unsere Pferde nicht an einem bestimmten Termin “fertig” haben und vorstellen. Wir haben einfach ZEIT. Zeit zum Entdecken, Zeit zum Hinterfragen, Zeit für Selbstkritik, Zeit zum Geniessen.
    Auch ich habe mir meine eigene Philosophie zusammengetragen. Habe diverseste Bücher über klassische und moderne Reitkunst, Westernreiten und Horsemanship, über die Sprache der Pferde und ihr Herdenleben, die Wichtigkeit der Körpersprache verschlungen. Manche Erklärungen waren für mich leicht nachvollziehbar und sind somit haften geblieben. Andere waren unlogisch oder zu kompliziert, vielleicht auch ein paar Niveaus zu hoch. Mein personliches Ziel ist, mein Pferd mit allerfeinsten Hilfen lenken zu können. In diesem Sinne habe ich bei Rai, Hempfling, Penquitt, Roberts und anderen wertvolle Anregungen gefunden, was nicht heisst, dass ich mit allen von A-Z einverstanden bin. Aber ich bediene mich gern einiger Ansätze, um selber auf MEINEM Weg weiter zu kommen.
    Liebe Grüsse
    Brigitte

    • Hallo liebe Brigitte,

      schön gesagt! Genau so mache ich es auch =)
      Toll, dass auch andere so denken!

      Liebe Grüße,
      Christina

  3. Huhu,
    toller Artikel!
    Ich bin ja der Meinung, dass wir als Freizeitreiter – also die Mehrheit – fast schon dazu gezwungen sind, aus verschiedenen Methoden seine Favoriten heraus zu picken. Denn wir müssen ja keinem Schema F folgen und können nach der Individualität des Pferdes entscheiden. Turnierreiter müssen diesem Schema folgen um erfolgreich zu werden und Nachwuchstrainer folgen auch einer bestimmten Person und deren Wahrheiten. Aber kein Trainer der Welt, könnte mit jedem Pferd der Welt klar kommen – keine Methode ist so passend! Ich finde zum Beispiel die Idee hinter “Next Generation” sehr schön, da sich hier endlich einmal Trainer austauschen und über ihren Tellerrand schauen – und so auch etwas picken ;)
    LG

    • Huhu Christina,

      bei dem Namen kannst du ja nur tolle Kommentare schreiben ;-P
      Aber im Ernst: ich sehe das ganz genauso wie du! Wobei ich schon finde, dass Turnierreiter auch pferdegerecht trainieren können – sie machen es nur oft nicht, weil es schwerer ist und länger dauert.
      Ansonsten hoffe ich auch sehr, dass sich die “Next Generation-Denkweise” auch breitflächiger durchsetzt. Wir brauchen dringend etwas mehr Flexibilität und Toleranz in der Reiterszene…

      Liebe Grüße,
      Christina

  4. Also ich denke mal, wenn Menschen (so auch ich) davon sprechen sich das beste heraus zu picken, meinen sie das sicherlich nicht Reitweisenübergreifend (z.B. Hilfen verschiedener Reitweisen zu kombinieren etc.)
    Man könnte es so beschreiben, wie wenn man sich einen fertig bestückten Werkzeugkasten kauft und die Werkzeuge, die man nicht gebrauchen kann oder als unhandlich empfindet, gegen selbst ausgesuchte austauscht. Man bastelt quasi seinen eigenen individuellen Werkzeugkasten.

    Bei mir sieht dieses herauspicken in etwa so aus:
    Für die Gymnastizierung haben wie die Akademische Reitkunst als Werkzeugkasten.
    Darin liegen verschiedene Werkzeuge wie Dualgassen, Cavalettis, Zirkuslektionen, Freiarbeit, Gelassenheitstraining, Spaziergänge usw.
    Und das Clickern ist bei uns auch ganz groß beschrieben und wird immer “benutzt” es ist einfach eine Art und Weise der Belohnung. Und Horsemanship gibt es bei uns natürlich auch, aber in einem ganz anderen Rahmen, als man es klassisch kennt.

    • Hallo Nathalie,

      das sehe ich auch so und so handhabe ich es in meinem Training auch =)
      Und genau dafür habe ich meine Philosophie: jedes Werkezug, das neu in meinen Kasten will, wird daran überprüft ob es passt.
      Ich kenne aber auch viele Reiter die alle paar Monate auf eine neue Methode umstellen und das Pferd muss alles neu lernen. Das ist natürlich nicht ideal…

      Liebe Grüße,
      Christina

  5. Hi Christina,
    ein wichtiges Thema, was Du da aufgreifst. Ein Grundbedürfnis des Pferdes ist ja Sicherheit und Sicherheit ergibt sich unter anderem durch Gewohnheiten. Wenn wir jetzt ständig anfangen etwas Neues zu machen oder dem Pferd die Hilfe an dem einen Tag so und an dem anderen Tag so erklären, verunsichern wir es. Ich habe das bei der Stute, auf der ich meine letzte Reitbeteilung hatte, gesehen, die ich vor kurzem besucht habe. Der Vater reitet das Pferd Western, die Tochter Englisch. Ausgebildetet ist die Stute auch in der englischen Reitweise. Es war das totale Chaos. Meine Hilfen kamen plötzlich kaum noch durch, sie schien richtig überfordert.
    Auf der anderen Seite gibt es aber eben auch die Reiter, die krampfhaft an ihrem “System” festhalten, was ihnen Sicherheit vermittelt bzw. worüber sie die Kontrolle behalten. Da wäre Flexibilität wohl manchmal auch nicht ganz verkehrt.
    Ich handhabe das ähnlich wie Du und habe meine Grundsätze, merke aber, dass ich auch manchmal die Art der Umsetzung ändere, wenn es halt für mein Pferd nicht der richtige Weg war.
    Liebe Grüße, Saskia

    • Huhu Saskia =)

      Ohje, das arme Pferd. Kein Wunder, dass sie verwirrt ist. Das ginge uns Menschen sicher auch nicht anders…
      Ich sehe das ganz genauso wie du, man muss eine Balance finden zwischen Kontinuität und Flexibilität. Und am Ende muss es zuallererst für’s Pferd passen =)

      Liebe Grüße,
      Christina

  6. Hi Christina, ich bin da ganz Deiner Meinung und handhabe es ähnlich wie Du. Ich mache es auch abhängig vom Pferd und schaue was bei ihm ankommt und Spaß macht. Darauf baue ich dann erstmal. Bei meinem Pferd war es so, dass ich irgendwann die Trainingsmethode total umstellen musste, weil wir sonst jegliches Vertrauen gegenseitig verloren hätten. Damals fing ich an Zirzensik mit ihr zu machen, was ihr riesen Freude machte. Dann konnte ich langsam auch wieder andere Lektionen abfragen. Sie war wieder kommunikationsbereit:-).

    Ich finde es wichtig, dass man flexibel bleibt und eben auch über den Tellerrand schaut. Ich finde es gut, Trainingsmethoden miteinander zu mischen, kombinieren. Aber, wie Du schon sagst, man sollte schon eine gewisse Erfahrung haben.

    • Hi Mercedes,

      genau das meine ich mit einer persönlichen Philosophie als Kompass: da merkt man ziemlich schnell, wenn es sich in eine Richtung entwickelt die nicht (mehr) passt und man kann umschwenken =)
      Ansonsten sehe ich das genauso wie du, wer nicht über den Tellerrand schaut kann sich auch nicht weiterentwickeln!

      Liebe Grüße,
      Christina

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