Ganze Parade reiten

Ganz ähnlich wie der Befehl “Kreuz ran!” ist auch “und jetzt ganze Parade!” für viele Reiter erst mal ein Grund zur Verwirrung.

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Am Zügel ziehen? Dazu treiben? Und wie war das nochmal mit dem Kreuz?

Für mich klangen die Erklärungen der Reitlehrer zu meiner Anfangszeit total unlogisch: gleichzeitig am Zügel ziehen und treiben – das widerspricht sich doch! Jeder der schonmal beim Auto gleichzeitig auf Gas und Bremse getreten ist weiß, dass das nicht gut ausgehen kann.

Und tatsächlich ist es auch gar nicht so gemeint!

 

Verwirre Dein Pferd nicht mit widersprüchlichen Hilfen

Francois Baucher sagte schon 1864 „Hand ohne Beine, Beine ohne Hand“.

Üblicherweise wird die Parade so erklärt: mit den Schenkeln die Hinterhand unter den Schwerpunkt treiben und mit dem Zügel das Vorwärts abfangen. Gleichzeitig das Kreuz anspannen und gegensitzen.

Prinzipiell ist das schon richtig, Zügel und Schenkel müssen jedoch zum richtigen Zeitpunkt und nicht gleichzeitig eingesetzt werden.

Und hier wird es nun etwas schwierig, denn den richtigen Zeitpunkt muss man fühlen können.

Dein Ziel ist es, dass Dein Pferd beim Durchparieren mit der Hinterhand unter seinen Schwerpunkt tritt. Wenn Du zum Bremsen nur an den Zügeln ziehst wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Vorhand fallen. Das merkst Du zum Beispiel daran, dass Du mit dem Oberkörper leicht nach vorne fällst. Wenn Dein Pferd mit der Hinterhand untertritt und so bremst, wirst Du nicht nach vorne fallen und es fühlt sich so an, als ob Dein Pferd vorne höher wird. Das liegt daran, dass es die Hinterhand beugt und untertritt.

 

Die richtigen Hilfen zum richtigen Zeitpunkt

In meinem Artikel zum Aussitzen habe ich schon einmal erklärt, dass man spüren kann welches Hinterbein gerade vorschwingt: die Seite des Rückens, auf der das Hinterbein nach vorne schwingt senkt sich gefühlt etwas ab, das Bein des Reiters auf dieser Seite schwingt leicht nach innen an den Pferdebauch.

Wenn Du also Deine Beine entspannt am Pferd anliegen hast (wie es sein sollte) dann kannst Du spüren welches Bein nach vorne schwingt. Am Besten übst Du das gemeinsam mit jemandem, Du sagst welches Hinterbein nach vorne schwingt und er oder sie schaut ob Du recht hast.

Das ist wichtig, denn um korrekte Paraden geben zu können musst Du das spüren können.

Um eine Parade zu reiten musst Du Dein Pferd also zuerst veranlassen mit seiner Hinterhand mehr unterzutreten – es soll ja nicht auf die Vorhand fallen. Dazu gibst Du abwechselnde Schenkelhilfen wenn Du spürst, dass ein Hinterbein nach vorne schwingt. Also:

  • Linkes Hinterbein schwingt nach vorne (Dein Bein schwingt schon automatisch leicht an den Pferdebauch) -> Du gibst links eine Schenkelhilfe
  • Rechtes Hinterbein schwingt nach vorne -> Du gibst rechts eine Schenkelhilfe

Nun soll Dein Pferd natürlich nicht schneller werden, deshalb schließt Du kurz nach den Schenkelhilfen, wenn das jeweilige Hinterbein auf dem Boden ist, Deine Hand und nimmst somit den Zügel leicht an.

Gleichzeitig kippst Du Dein Becken ab (wie hier erklärt), schließt die Knie und schwingst mit dem Becken nicht mehr mit der Bewegung Deines Pferdes mit.

Je nachdem wie fein Dein Pferd ist reicht das aus um es durchzuparieren. Reagiert Dein Pferd nicht solltest Du daran arbeiten es zu sensibilisieren und darauf achten, dass Du selbst es nicht durch zu kräftige oder dauerhafte Hilfen abstumpfst.

 

Mindestens genauso wichtig: das Aussetzen der Hilfen

Der meiner Meinung nach wichtigste Teil des Durchparierens ist das Aussetzen der Hilfen. Sobald Dein Pferd reagiert – und sei es noch so minimal – höre auf! Wenn es schon steht ist es zu spät!

Stell Dir vor Du spielst mit Deinem Pferd Topfschlagen (ein Spiel, bei dem ein Kind mit verbundenen Augen versucht mit einem Löffel einen Topf irgendwo im Raum zu treffen. Ein zweites Kind sagt “heiß” oder “kalt” – “heiß”, wenn das erste Kind sich dem Topf nähert, “kalt”, wenn es davon weggeht).

Wenn Du zu Deinem Pferd niemals “heiß” sagst und ihm zeigst, dass seine Reaktion in die richtige Richtung geht, dann wird es nicht verstehen was Du von ihm willst und schnell frustriert sein. Genauso wie es das Kind mit verbundenen Augen wäre, wenn seine Freundin immer nur “kalt” sagt und erst dann “heiß”, wenn es nach langer Suche zufällig den Topf trifft.

Dein Pferd fragt Dich also erst mal mit einer kleinen Reaktion an um zu testen, ob es das ist was Du wolltest. Wenn Du darauf nicht mit einer Belohnung – dem Aussetzen der Hilfen – reagierst, wird es davon ausgehen, dass seine Reaktion falsch war.

 

Der Unterschied ganze Parade – halbe Parade

Ich dachte als Reitanfänger die halbe Parade wird eben nur halb so stark wie die ganze Parade durchgeführt. Von anderen Reitern weiß ich, dass sie dachten die halbe Parade macht man nur mit einem Zügel anstatt mit beiden.

Tatsächlich ist der Unterschied nur eine Definitionssache: eine ganze Parade führt immer zum Stand, egal aus welcher Gangart. Eine halbe Parade nutzt man für das Durchparieren zur nächstlangsameren Gangart, einen Tempowechsel innerhalb einer Gangart oder um das Pferd vor einer Lektion aufmerksam zu machen.

Die ganze Parade besteht aus mehreren halben Paraden, so lange bis das Pferd steht. Je nach Pferd geht das schnell, andere brauchen länger.

Die Hilfen, die ich oben erklärt habe, sind also für eine halbe Parade. Und wenn Du die Hilfen für die halbe Parade kennst, kennst Du auch automatisch die Hilfen für die ganze Parade. Eine ganze Parade aus einem flotten Trab oder Galopp ist natürlich deutlich schwerer zu reiten und sollte erst versucht werden, wenn Du weißt was Du tust und die halben Paraden fein und leicht klappen!

Wichtig ist hier, dass eine solche Parade immer nur kurz durchgeführt wird. Reagiert das Pferd nicht solltest Du kurz lockerlassen und es dann erneut versuchen. Auf keinen Fall solltest Du permanent am Zügel ziehen!

 

Fazit

Eine korrekte Parade zu reiten ist gar nicht so einfach. Sie erfordert vom Reiter einen sehr guten Sitz, Koordination und viel Gefühl. Vom Pferd verlangt sie ein grundlegendes Gleichgewicht, eine feine Reaktion auf die Reiterhilfen und die Bereitschaft sich zu versammeln.

Jeder Reiter und jedes Pferd ist anders und es ist schwer hier allgemeingültige Ratschläge zu geben. Deshalb ist ein kompetenter Reitlehrer oder eine kompetente Reitlehrerin unerlässlich, wenn man die passende, feine Parade lernen möchte.

Lesetipp: Anja Beran hat für das Magazin “Feine Hilfen” einen schönen Artikel über die Parade geschrieben.

Im Magazin “Dressur Studien” gibt es ein Interview mit Kurd Albrecht von Ziegner über die Parade.

Bei der Reitarena kannst Du über eine andere Variante der Hilfengebung bei der Parade lesen.

Dieser Artikel ersetzt natürlich keinen Unterricht mit einem ausgebildeten Trainer vor Ort. Am Besten suchst Du Dir einen guten Reitlehrer, der Dich unterstützt!

Wie hat Dein Reitlehrer Dir die Paraden erklärt? Wie reitest Du sie und hast Du vielleicht noch Tipps für uns?

 

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11 KOMMENTARE

  1. Sehr schön erklärt! Ich sage meinen reitschulern immer noch sie müssen erst mit ihrer gewichtshilfe dem Pferd den Mittelpunkt vorgeben, dann mit ihren schenken dem hinterbeinen sagen das sie dahin vertreten sollen und dann mit dem Zügel nur abfangen was die vorderfüße weglaufen. Allerdings muss ich auch dazu sagen das alle meine Kids erstmal die Hilfen lernen, dann wie man sie gibt, dann wofür man sie braucht und dann erst die Parade. Haben da keine Probleme… Das können meine alle aus dem FF. Auch die kleinsten mit 7-8 Jahren :-)

    • Hallo Madeleine,

      ein Traum – ich wünschte alle würden es so lernen! =)

      Liebe Grüße,
      Christina

  2. Hallo Christina :)

    endlich!!! Vor ca. 5 Jahren habe ich angefangen zu reiten. Bei meiner ersten und einzigen Longenstunde musste ich das ganze Paradezeug und so weiter nicht wirklich wissen, ich war ja erst 12, saß auf einem Pferd, das ich nicht kannte und sollte einfach nur zeigen, wie ich sitzen kann und wie mein gleichgewicht etc so ist^^ Dann kamen die Sommerferien, 7 Wochen hatte ich keinen Reitunterricht und als ich wieder zum Reitstall kam, meinte meine Reitlehrerin, ich könne gleich bei der normalen Reitstunde mitreiten, so gut wie ich schon sitze. Tjaa und dann saß ich da, und hatte keine Ahnung was halbe/ganze Parade hieß, wie man richtig fein antrieb oder was aus der ganzen Bahn wechseln war (Zum Glück hatte das Pony, in den ich mich ziemlich schnell verliebte, mehr Ahnung wie ich und lief einfach den anderen Pferden hinterher, egal ob Trab oder Schritt^^) Irgendwann wusste ich dann was eine Parade war, aber jetzt weiß ich, was ich die ganzen Jahre immer falsch gedacht habe. Halbe Parade ist nicht nur ein Zügel xD Deshalb: vielen Dank für diesen Artikel, du hast mir das anhalten deutlich leichter gemacht :)

    Ganz liebe Grüße
    Lisa

    • Hallo liebe Lisa,

      sehr gerne, ich freue mich, dass ich helfen konnte! :-D

      Liebe Grüße,
      Christina

  3. Hallo Christina,

    vielleicht erinnerst Du Dich an mich; ich hatte neulich bei Deinem Eintrag über die erwachsenen Anfänger mal kommentiert :) Deshalb auch dieser Kommentar :)

    Lieben Dank für die Erklärung zu ganzen und halben Paraden; ich bin ja noch nicht so firm und habe mich da neulich mit meinem Freund (Westernreiter) etwas drüber gestritten, was denn nun eine halbe Parade ist :) Er behauptete steif und fest, sie würden genutzt, um das Pferd aufmerksam zu machen, mir wiederum hatte meine Reitlehrerin das als “einen Gang runterschalten” erklärt. Jetzt hab ich festgestellt, wir hatten beide recht. ;)

    Im Rahmen des Programms “wir kriegen die Nora ohne Angst aufs Pferd”, das sich meine Reitlehrerin ausgedacht hat, machen wir das momentan an der Longe: ständige Schritt-Trab-Schritt-Wechsel. Außerdem arbeiten wir auch genau daran, was Du erklärst: wann bewegt sich welches Bein wie. Wird besser… ;)

    LG,
    Nora

    • Hallo Nora,

      klar erinnere ich mich an dich =)
      Es freut mich, dass du weiterkommst! Deine Reitlehrerin klingt wirklich toll, endlich mal jemand der ordentlichen Anfängerunterricht macht!
      Und die Angst wird auch weggehen, wirst schon sehen ;-)

      Liebe Grüße,
      Christina

    • Halbe Paraden machen das Pferd aufmerksam und durch das minimale Spielen mit dem Ringfinger in Verbindung mit den richtigen Hilfen sollte das Pferd auch anfangen zu kauen.

      Ganze Paraden sind vorzugsweise zum “Durchparieren”

  4. Perfekt erklärt, so versteht es auch ein Rechts-Links-Arm-Bein-Koordinations-Legastheniker wie ich sofort. Ich danke dir für den schönen Beitrag <3 Und ich mag den Punkt des "Aussetzens" der Hilfe sowieso besonders gerne. Nicht weil ich von Natur aus faul bin ;-) Sondern weil ich die Pausen so wahnsinnig wichtig finde für die Pferde und sie so oft unterschätzt und vergessen werden. Denn auch die Pause oder das Aussetzen kann ja eine Hilfe sein. Wie immer liebe Grüße und bis bald, Petra

    • Dankeschön <3
      Hihi, bei der Rechts-Links-Arm-Bein-Koordination hilft mir meine Kampfsport-Vergangenheit und Yoga-Gegenwart - aber ich weiß was du meinst ;-)
      Das sehe ich auch so, die Pause ist eine der wichtigsten Hilfen!

      Liebe Grüße,
      Christina

  5. Super erklärt!
    Unsere Reitlehrerin hatte uns noch als Tipp mitgegeben, gedacht für die vieldenker und Schritt-für-Schritt-hilfengeber: eine Parade dauert ca einen NORMALEN Atemzug…einatmen, Schenkel, Zügel, Körper, ausatmen. Forderte nochmal etwas mehr konzentration, half mir aber irgendwie. Vorteil war auch die Paraden messbar zu machen und weiter zu verfeinern. Lg

    • Hallo Nell,

      danke für den Tipp, der ist wirklich klasse!
      Und es verhindert, dass man zu lange am Zügel zieht, was ja für die Meisten ein Problem ist…

      Liebe Grüße,
      Christina

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