Anlehnung: so fühlt sie sich an, so wird sie erarbeitet.

„Mein Pferd läuft so schön in Anlehnung!“

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Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört. Meistens gefolgt von „mit den Schlaufzügeln ist das jetzt auch nicht mehr so anstrengend“. Oder der Reiter sitzt schnaufend und mit rotem Kopf auf dem Pferd, weil das ganze Gewicht von Pferdekopf und –hals in den Zügeln hängt. Aber die reine Optik ist so, wie man das für richtig empfindet: der Hals ist gebogen und der Kopf an der Senkrechten.

Das Problem wie so oft: durch das Erzwingen einer bestimmten Kopf-/Hals-Haltung erhält man kein korrekt gerittenes Pferd!

Wie schon in meinem Artikel zur Versammlung erklärt, entsteht die Kopfhaltung durch ein locker durch den Rücken gehendes Pferd, das vermehrt mit der Hinterhand Gewicht aufnimmt und den Brustkorb hebt. Der Kopf ist der letzte Schritt in der „Kette“ und sollte nicht mit den Hand bzw. den Zügeln manipuliert werden.

Bevor es richtig losgeht möchte ich noch einmal betonen, dass meine Artikel immer meine ganz persönlichen Erfahrungen und auch meinen aktuellen Wissensstand wiederspiegeln – ich erhebe keinen Anspruch auf Allwissenheit und völlige Richtigkeit. Wir lernen alle nie aus, deshalb freue ich mich auf Deine Meinung und Erfahrungen in den Kommentaren!

 

Die Anlehnung: so fühlt sie sich an

Die korrekte Anlehnung geht immer vom Pferd aus. Der Reiter erreicht sie nicht, indem er den Kopf mit den Zügeln „herunterhebelt“, sondern indem er seinem Pferd erlaubt von sich aus den Kontakt zum Gebiss (oder zur gebisslosen Zäumung – ich bin der Meinung, dass man auch damit in Anlehnung reiten kann, je nach Zäumung) zu suchen.

Auch ein psychischer Aspekt gehört für mich dazu: das Pferd ist aufmerksam, konzentriert und hört dem Reiter zu. Genauso sollte auch der Reiter dem Pferd zuhören und seine kleinen Signale und Veränderungen erspüren. Die Anlehnung ist ein feines Kommunikationsmittel, das immer in beide Richtungen funktionieren sollte!

Ein Pferd in korrekter Anlehnung fühlt sich in der Hand an, als könne man mit dünnen Bindfäden anstatt Lederzügeln reiten. Als würde man die Fingerspitzen sanft auflegen und könne das ganze Pferd damit bewegen.

Eine kleine Übung zur Verdeutlichung: Such dir jemanden, mit dem Du üben kannst (Du kannst es auch alleine machen, aber dann ist die Übung nicht ganz so effektiv).

  • Lege die Fingerspitzen Deiner Hand in die Handfläche Deines Übungspartners. Die Verbindung soll ganz leicht sein, so minimal wie möglich.
  • Deine Aufgabe ist nun, die Hand Deines Partners zu bewegen: eine Drucksteigerung von Dir heißt für ihn, dass er die Hand nach unten bewegt, ein Nachlassen von Druck heißt, dass er mit seiner Hand Deinen Fingerspitzen folgt um eure Verbindung weiter aufrecht zu erhalten. Das Ziel ist, dass ihr die Verbindung zwischen euren Händen nie verliert.
  • Versuche das Ganze mit so wenig Druck wie möglich zu machen. Du wirst erstaunt sein, wie wenig ausreicht um zu kommunizieren!

Ähnlich ist es mit der Anlehnung Deines Pferdes ans Gebiss. Es soll den Kontakt so suchen, wie Dein Partner in der Übung den Kontakt zu Deinen Fingerspitzen gesucht hat.

Die Anlehnung ist also eine ganz feine, sanfte Verbindung. Dazu braucht man natürlich auch ein Pferd, welches fein auf Hilfen reagiert und im Maul nicht abgestumpft ist.

 

So bringst Du Dein Pferd in Anlehnung

Ich möchte noch einmal betonen: man kann die Anlehnung nicht über Kraft am Zügel erreichen! Dann ist es keine Anlehnung, sondern ein Tauziehen und schadet dem Pferd mehr, als wenn Du es gar nicht erst versuchen würdest.

Auch mit Hilfszügeln ist keine reelle Anlehnung zu erreichen. Sie sind feste Werkzeuge (ja, auch die mit Gummieinsatz) und können eine fühlende, nachgebende Hand nicht ersetzen.

Die sanfte oder oft so genannte „vertrauensvolle“ Anlehnung erreichst Du nur durch eine sanfte und nachgiebige Hand. Ich finde „vertrauensvolle Anlehnung“ eigentlich ein schöner Begriff – denn man vertraut nur dem, was einem keine Schmerzen zufügt. Eine grobe, harte Hand, die mit viel Kraft einwirkt, wird kaum eine korrekte Anlehnung erreichen. Im Gegenteil: das Pferd wird abstumpfen und die Hand zunehmend ignorieren.

Voraussetzung für eine sanfte Hand ist ein zügelunabhängiger Sitz. Wenn Du Dich beim Trab Aussitzen am Zügel festhalten musst, wirst Du es kaum schaffen die nötige feine Verbindung zum Pferdemaul zu halten. Regelmäßige Sitzstunden an der Longe und Gymnastikübungen am Boden ohne Pferd sind für jeden Reiter Pflicht.

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Ansonsten solltest Du die Länge Deiner Zügel Deinem Pferd anpassen. Die Haltung Deines Pferdes verändert sich je nach Gangart und Lektion, die Du reitest. Nimm die Zügel immer nur so weit auf, dass Du eine ganz leichte Verbindung zum Pferd spürst (denke an die Übung oben!) und versuche nicht, den Kopf in eine bestimmte Position zu ziehen. Gib Deinem Pferd die Chance den Kontakt zu Deiner Hand zu suchen. Reitest Du z.B. warm und Dein Pferd ist nicht oder wenig versammelt und es dehnt sich vorwärts-abwärts, dann sollten auch Deine Zügel lang genug sein um das zuzulassen. Versammelst Du Dein Pferd (von hinten nach vorne!), dann wird sich sein Hals aufrichten und verkürzen – dann solltest Du auch Deine Zügel kürzer nehmen um die Verbindung nicht zu verlieren.

Die Anlehnung hat also ganz viel mit Deiner Fähigkeit zu tun, sanfte Zügelhilfen zu geben. Dehsalb musst Du auch hauptsächlich an Dir selbst arbeiten.

Zusätzlich solltest Du – wie immer – an der Losgelassenheit, Geraderichtung und Versammlung Deines Pferdes arbeiten:

  • Übergänge und Tempounterschiede reiten
  • Seitengänge wie Schulterherein und Kruppeherein reiten
  • Die Übungen vom Boden aus an der Hand durchführen. Besonders wenn Dein Pferd noch Muskulatur aufbauen muss oder wenn Du niemanden hast der Deine Ausführung der Übung im Sattel kontrolliert ist das eine gute Alternative
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Was tun, wenn das Pferd schon (mehr oder weniger) stumpf im Maul ist?

Ist das der Fall, hat man einen langen Weg vor sich. Das Pferd hat sein Vertrauen in die Hand verloren und man muss ihm Schritt für Schritt dieses Vertrauen zurückgeben. Und genau hier haben viele Reiter Schwierigkeiten. Zu tief sitzen die erlernten Gewohnheiten, zu schnell zieht man doch wieder am Zügel, wenn etwas nicht (sofort) klappt.

Manchen Pferden (und Reitern) hilft es in solchen Fällen erst mal auf eine gebisslose Zäumung umzusteigen. Diese Art der Kommunikation ist neu und dementsprechend noch nicht negativ besetzt. So können beide lernen wieder auf die kleinen, feinen Signale des Anderen zu hören.

 

Eine Alternative zum permanenten Zügelkontakt

Es ist nicht zu leugnen, dass viele Reiter nicht in korrekter Anlehnung reiten (können). Es wird viel von der Anlehnung gesprochen, aber kaum jemand erklärt, was sie ist und wie man sie erreicht. Geschweige denn, dass den Reitschülern ein zügelunabhängiger Sitz beigebracht wird. Stattdessen sind diverse Hilfszügel in vielen Reitschulen weit verbreitet und Sitzschulung eine Seltenheit.

Ich sehe einen dauerhaften Zügelkontakt und somit dauerhaften Druck im Pferdemaul (eben weil es in der Realität kaum ein Reiter schafft nur wenige Gramm Druck auszuüben, meist sind es mehrere Kilogramm, die im Pferdemaul ankommen) durchaus kritisch.

Für die meisten Pferde ist das Nachlassen von Druck eine Belohnung und ein Zeichen dafür, dass sie etwas richtig gemacht haben. Bei dauerhaftem Druck entfällt diese Belohnung und Kommunikationsmöglichkeit. Genauso wenig, wie ich weiter treibe, wenn mein Pferd das gewünschte Tempo erreicht hat, möchte ich an den Zügeln ziehen, wenn mein Pferd langsamer wird oder einen Seitengang in korrekter Stellung läuft. Wozu weiter fragen, wenn das Pferd schon die richtige Antwort gegeben hat?

Ich persönlich setze die Zügelhilfen zur Zeit eher impulsartig ein. Wenn mein Pferd auch nur ansatzweise richtig reagiert gebe ich sofort nach. Möglicherweise muss ich dann gleich wieder die Zügel aufnehmen und korrigieren, aber ich bin immer „auf dem Sprung“ gleich wieder nachzugeben, wenn die richtige Reaktion kommt. Ich habe bisher die Erfahrung gemacht, dass Pferde mit dieser Methode – je nach ihrer persönlichen Veranlagung – schnell lernen, was man von ihnen will.

Impulsartig – und nicht dauerhaft – einzuwirken heißt nicht, das Pferd ohne jeglichen Kontakt alleine zu lassen. Es bedeutet nicht, das Pferd größtenteils sich selbst zu überlassen und auf der Vorhand „latschen“ zu lassen. Auch hier muss man weiter an Losgelassenheit, Geraderichtung und Versammlung arbeiten!

Diese Alternative ist für den Reiter nicht unbedingt einfacher. Man braucht ein sehr gutes Timing, einen Plan was man tut und ein gutes Gefühl für die Bewegung des Pferdes. Aber das braucht man für’s Reiten sowieso – wer hier Probleme hat (und die haben wir an der einen oder anderen Stelle alle!) sollte sich unbedingt nach einem guten Trainer oder einer guten Trainerin umschauen. Mit kompetenter Anleitung ist Vieles deutlich einfacher.

 

Die Anlehnung – Fazit

Ich hatte schon mehrmals das Glück, Pferde reiten zu dürfen, die sehr fein auf die Hilfen reagieren und mit denen ich problemlos in vertrauensvoller Anlehnung reiten konnte. Es war ein sehr schönes Gefühl, eine ganz intime Verbindung, als würde man dem Pferd leise ins Ohr flüstern oder als könne das Pferd Gedanken lesen.

Man unterschätzt, welch feine und minimale Verbindung beim Pferd noch klar und deutlich ankommt! Und wenn man das einmal realisiert hat, erschrickt man, wie stark und grob sich so manche Zügelhilfe für das Pferd anfühlen muss.

Das Thema Anlehnung ist übrigens oft ein Streitpunkt zwischen Western- und Englischreitern: manche Westernreiter finden die dauerhafte Anlehnung (im Sinne von dauerhaftem Zügelkontakt) unlogisch und manche Englischreiter werfen den Westernreitern vor, keine Ahnung von Dressur und Anlehnung zu haben.

Ich finde die dauerhafte Anlehnung (im Sinne von dauerhaftem Zügelkontakt) nicht schlecht – wenn man zu denen gehört, deren Hand tatsächlich fein genug ist. Dann hat man eine Verbindung, die der Gedankenübertragung gleicht.

Die vielen Reiter, bei denen das nicht so ist, sollten meiner Meinung nach aber doch lieber auf Hilfszügel und dicke Oberarme verzichten und über Impulse reiten – und in der Zwischenzeit daran arbeiten feiner und zügelunabhängiger zu werden und die Anlehnung korrekt von hinten nach vorne zu erarbeiten.

Du willst noch mehr zur Anlehnung lesen? Hier findest Du weitere Artikel zum Thema:
– Kultreiter.de: So reitest Du Dein Pferd in Anlehnung – samt Tipps von den Profis!
– Fühlen-Reiten: Gedanken zur Anlehnung
– Pfridolin Pferd: Angst vor der Anlehnung

 

Was hältst Du von der Anlehnung? Ohne dauerhaften Zügelkontakt keine korrekte Dressur oder lieber Impulsreitweise?

 

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8 KOMMENTARE

  1. Mit meiner RB habe ich schon ein paar Mal diese ECHTE Anlehnung gespürt.
    Es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn man das Gefühl hat eine Verbindung zu haben so sanft als hätte man einen Spinnweben in der Hand, der jeden Moment reißen könnte und trotzdem so stark da spürt man, dass man eher mental kommuniziert, irgendwie unbeschreiblich eben :-)

    • Hallo Gina,

      ich finde deine Beschreibung trifft es ziemlich genau :-D

      Liebe Grüße,
      Christina

  2. Die Anlehnung ist gerade ein großes Thema für uns. Mein großer ist 4 und noch nicht lange unterm Sattel. Er ist so empfindlich auf Maul und Schenkelhilfen, dass eine winzige Drehung reicht um etwas zu bewirken. Ich mache das ähnlich wie du, leichten Druck aufbauen, sobald eine Reaktion kommt sofort nachgeben. Und das geht im Sekundentakt, da er sein Gleichgewicht noch nicht gefunden hat. Er darf aber natürlich auch mit der Nase vor der Senkrechten laufen, wenn sein Tempo und Takt dann gleichmäßiger sind, weil er noch nicht ausbalanciert ist. Gerade im Schritt ist es sowieso sehr wichtig, das Pferd nicht von Anfang an mit den Zügeln zu bedrängen. Einen schönen Schritt erarbeiten ist sehr schwer, wenn die Veranlagung nicht da ist. Einen schönen raumgreifenden Schritt mit angeblicher Versammlung kaputt zu machen, ist einfach.

    • Hallo Kira,

      das klingt nacheinem tollen Pferd! Hoffentlich könnt ihr seine Sensibilität erhalten =)
      Ich sehe das ganz genauso wie du, ein Pferd in dem Alter muss (und kann) nicht in Versammlung gehen, sondern muss erst einmal sein Gleichgewicht unter dem Reiter finden.
      Ich wünsche dir weiter ganz viel Freude bei der Ausbildung!

      Liebe Grüße,
      Christina

  3. Ich bin kein “profi”. mit dieser Beschreibung kann auch jemand der das fachlatein nicht versteht etwas anfangen.
    Zur Korrektur von Pferden kann ich bestätigen das,gebisslos geritten, harte Pferde nach kurzer Zeit anfangen regelrecht nach Kontakt zu suchen.

    Sehr schön geschriebe.

    • Hallo Thomas,

      vielen Dank für das Lob, das freut mich! Genau das will ich mit meinen Artikeln auch erreichen: erklären ohne “Fachchinesisch”.
      Die Profis lesen hier sicher sowieso nicht mit ;-)

      Liebe Grüße,
      Christina

  4. Ich finde den Vergleich mit der Gedankenübertragung gut getroffen. Ich habe eine wunderbare Reitlehrer in gefunden, die nach der Methode Centered Riding nach Sally Swift unterrichtet. Ich habe zwar schon seit dreißig Jahren mit Pferden zu tun, aber erst seit diesem Unterricht lerne ich “richtig” reiten. Die Zügel sind wirklich das letzte Glied der Kette. Zuvor kommt der gute Sitz und die Arbeit des Reiters an sich selbst.
    Ich möchte mich hiermit bei Sabine Dier vom Rosenhof Bieswang und ihren wundervollen Pferden bedanken. Sucht euch unbedingt einen guten Lehrer!Euer Pferd wirds euch tausendmal danken.

    • Hallo Michaela,

      Sally Swift finde ich auch großartig! Schön, dass du eine gute Centered Riding-Lehrerin gefunden hast und danke für die Empfehlung.
      Leider gibt es immer noch viele Reiter, die lieber auf zusätzliche Hilfsmittel setzen anstatt an sich selbst zu arbeiten…

      Liebe Grüße,
      Christina

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