Bild von Christina auf einem Pferd im Meer mit der Überschrift

„Ich bin aber in den letzten Jahren fast nur Ponys geritten, an die Großen muss ich mich erst wieder gewöhnen“, sage ich zu Claire. „Kein Problem“ antwortet sie, „du reitest jetzt zuerst mal Boss“.

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Und so kommt es, dass ich in Neuseeland ohne Sattel auf einem braunen 1,85m Warmblut sitze und mich frage, wie das eigentlich passieren konnte.

Aber beginnen wir am Anfang.

Nachdem ich mit einer Freundin zwei Monate in einem Van Neuseeland durchstreift hatte war klar, dass ich mir alleine keinen weiteren Monat mit Auto leisten kann. Außerdem war mittlerweile der Sommer angebrochen und ich sehnte mich nach einem festen Wohnsitz – vorzugsweise am Meer. Wer in Neuseeland günstig über die Runden kommen möchte arbeitet als Wwoofer (willing workers on organic farms) gegen Kost und Logis. Das schien mir eine gute Idee für meinen letzten Monat zu sein und ich begann mich nach Jobs mit Pferden umzusehen und Bewerbungsmails zu schreiben.

So verschlug es mich schließlich in die Bay of Islands der Nordinsel, unweit der berühmten Waitangi Treaty Grounds, wo Repräsentanten der Britischen Krone und Maori Häuptlinge 1840 einen Vertrag unterzeichneten, der Neuseeland und die Maori zu Untertanen Englands machte.
Die Bay of Islands ist eine beliebte Urlaubsregion mit weißen Stränden, Mangrovenwäldern, Wasserfällen und den berühmten neuseeländischen Farnwäldern. Wenn man von beliebter Region spricht, sollte man aber in Neuseeland keine Costa Brava Maßstäbe anlegen. Es gibt hier so viele Strände, jeder Besucher könnte einen ganz für sich alleine beanspruchen.

Blick auf das türkisblaue Meer einer Bucht in der Bay of Islands, NeuseelandDer Strand in Paihia, Neuseeland

Zwei Monate zuvor hatte ich meine Reise ganz in der Nähe gestartet. Ich fand es nur passend den Kreis zu schließen und sie hier zu beenden.

Wenn man vorhat einen Monat auf einem fremden Stall zu arbeiten – oder auch nur zu reiten – hat man (oder zumindest ich) einen beachtlichen Knoten im Bauch. Geht es den Pferden dort gut? Wohin gehe ich wenn es den Pferden nicht gut geht? Gibt es in der Umgebung andere Ställe? Was tue ich, wenn die auch nicht ok sind? So und so ähnlich jagen sich meine Gedanken als ich in Auckland in den Fernbus steige.

Nach einer vierstündigen Busreise holt mich Claire mit ihrem klapprigen roten Landrover in Paihia ab. Ein typisches Reiterauto, im Kofferraum wächst Hafer. Sie ist mir auf den ersten Blick sympathisch und schon nach 5 Minuten reden wir über Pferde, das Leben, das Universum und alles.

Der Knoten in meinem Bauch lockert sich.

Und löst sich völlig auf, als wir am Stall ankommen. Die Pferde sind in einem guten Zustand und leben ganzjährig im Herdenverband auf weitläufigen Koppeln. Sie gehen in der Regel nicht mehr als zwei bis drei Stunden pro Tag und es gilt ein Gewichtslimit von 80kg für alle Reiter. Hilfszügel gibt es nicht.

Pferde und Strauße auf einer weitläufigen, hügeligen Koppel in NeuseelandPferde auf einer weitläufigen, hügeligen Koppel in NeuseelandZwei neugierig blickende Pferde auf einer Koppel in Neuseeland

Die Pferde sind nicht die einzigen Bewohner des kleinen Hofs. Das ansässige Rebhuhnmännchen lerne ich schon vom Auto aus kennen. Er will nämlich keinesfalls die Auffahrt zum Hof frei machen und zieht es vor, den ganzen langen Weg vorm Landrover herzurennen, dass die kleinen Beinchen nur so fliegen. Als ich aussteige überfällt mich eine Meute Hühner und Enten, ein paar Schweine grunzen nicht weit entfernt und aus einem Schuppen schaut ein neugieriges Kaninchen heraus. Auf einer Koppel stehen, zusammen mit den Pferden, drei Emus.

Kaum angekommen werde ich von meinen Mitbewohnerinnen für diesen Monat begrüßt. Drei weitere Wwooferinnen arbeiten bei Claire und werden innerhalb kürzester Zeit zu meiner Familie am anderen Ende der Welt.

Und hier erzähle ich auch, dass ich schon länger keine Großpferde mehr geritten bin. Die anwesenden Damen scheinen sich per Gedankenübertragung einig zu sein, dass man mich doch am besten auf das größte Pferd setzt das sie auftreiben können. Schließlich sind alle anderen dann keine Herausforderung mehr.

So sitze ich dann also mit leichtem Herzklopfen auf Boss, der nicht nur furchtbar groß, sondern auch furchtbar brav ist. Und sie hatten Recht. Danach ist alles andere keine Herausforderung mehr.

Die folgenden Tage vergehen wie im Flug. Ich begleite mehrere Touren durch den neuseeländischen Urwald, entlang der Küste und auf erkaltete Vulkane. Wie es immer so ist, kristallisieren sich meine Lieblinge unter den Pferden heraus. Das ehemalige Rennpferd Dancer, der von seinen gut meinenden Besitzern von Hong Kong in ein schöneres Leben nach Neuseeland verschifft wurde. Und die große Appaloosamixstute Mocha, die eine Seele von Pferd, aber nicht unbedingt die hellste Kerze am Christbaum ist. Dancer erreicht im Galopp Geschwindigkeiten, die mir die Tränen in die Augen treiben. Dafür zwickt er mir, sehr zur Belustigung der Touristen, beim Aufsteigen gerne in den Hintern. Ich bilde mir ein, dass er dabei schelmisch grinst. Mocha nimmt alles mit unerschütterlicher Gelassenheit. Tatsächlich habe ich die Vermutung, dass sie die Fähigkeit perfektioniert hat im Gehen zu schlafen. Perfekt, wenn man eine wilde Horde Touristen aus Singapur im Auge behalten muss, die, wenn ich ihnen eine Sekunde den Rücken zudrehe, ihre Zügel fallen lassen, die Kameras zücken und in völliges Chaos verfallen.

Nicht, dass ich es ihnen verübeln könnte. Ich reite die Touren fast jeden Tag und bin doch immer wieder von der Schönheit der Landschaft um mich herum verblüfft.

Ein paar Tage später starten wir früh morgens in Richtung Küste. Wir wollen mit den Pferden schwimmen gehen. Wir verlassen den Hof über eine der Koppeln und tauchen ein in das grüne Licht des dichten neuseeländischen Urwalds. Baumhohe Farne breiten ihre Blätter über unseren Köpfen aus. Vögel fliegen von Ast zu Ast, ihr Gezwitscher fast schon zu laut. Es riecht nach warmer Erde, würzigen Pflanzen und meiner Sonnencreme. Mocha schnappt nach einem Blatt während ich mich unter verdrehten Lianen hindurchducke. Jurassic Park lässt grüßen, es fehlen nur noch die Dinosaurier.

Ein dichtes Dach aus hohem, grünen Farn auf dem Haruru Falls Track in NeuseelandGrün bewachsene Bäume und Lianen auf dem Haruru Falls Track in NeuseelandDer Blick zwischen Pferdeohren hindurch auf einen schmalen, zugewachsenen Waldweg

Die schmalen Wege sind anspruchsvoll für Pferd und Reiter. Wir geben die Führung an unsere Pferde ab, sie wissen besser als wir, wo sie ihre Füße setzen können. Nach einer halben Stunde auf schmalen, gewundenen Pfaden verlassen wir den kühlen Schatten des Waldes und sehen in der Ferne das Meer. Im Trab geht es weiter in Richtung des kleinen, grasbewachsenen Vulkans, der ein beliebter Fotopunkt unserer Reittouristen ist. Von seiner Spitze aus überblickt man die Bay of Islands mit ihrem glitzernden grün-blauen Ozean und den vielen kleinen Inseln.

Wir Guides lieben den Vulkan besonders, weil der Anstieg zur Spitze eine tolle Galoppstrecke ist. Auf den meisten Touren können wir das nicht ausnutzen, da die Reiter nicht erfahren genug sind. Heute ist das kein Problem und sogar Mocha lässt sich zu einem energiesparenden Galopp animieren.

Auf dem Vulkan angekommen machen wir eine kurze Pause und genießen die Aussicht und die kühle Brise. Dieser Ort wird mir wohl nie langweilig, egal wie oft ich schon hier war. Aber die Sonne brennt und wir wollen schwimmen, weiter geht’s.

Aussicht auf das Meer und die Buchten der Bay of Islands von der Spitze des Vulkans ausAussicht auf das Meer und die Buchten der Bay of Islands zwischen den Ohren eines Pferdes hindurch

Der Weg bis zum Meer erstreckt sich entlang weitläufiger Wiesen. Schaut man genauer hin erkennt man, dass das Gras unebene Hügel bildet. Hier und da liegen größere und kleinere schwarze Geröllbrocken im Grün. Ein Gruß des kleinen Vulkans, auf dem wir wenige Minuten zuvor standen. Seine Lava hat die Ebene geformt und ist auch nach Jahrhunderten noch sichtbar. Wir schlagen einen flotten Trab an, die Pferde riechen das Meer.

Und dann hören wir es, das Rauschen der Wellen und die Rufe der Möwen. Salzgeruch liegt in der Luft. Meine schläfrige Mocha ist plötzlich ganz wach, der Kopf schnellt nach oben, die Nüstern blähen sich, die Ohren spielen aufgeregt und der Schritt wird schneller. So kenne ich sie gar nicht! Zielstrebig marschiert sie auf den nächsten Strand zu und es tut mir ein bisschen Leid, dass ich sie wieder davon weglenken muss. Zuerst geht es zu unserer Pausenstation um die Pferde zu tränken und abzusatteln. Ihre Versorgung geht vor.
Eine halbe Stunde später ist es dann aber endlich soweit und ich schwinge mich von einem Felsen auf die zappelige Mocha. Es ist ein schönes Gefühl nur in Shorts, mit nackten Beinen und ohne die Barriere des Sattels direkt auf dem warmen Pferderücken zu sitzen – auch wenn der betreffende Pferderücken sich gerade in rasantem Tempo in Richtung Meer bewegt. Prustend und planschend stampft Mocha durch die Brandung, dass mir das Salzwasser nur so um die Ohren spritzt. Ich lache laut und freue mich, dass das sonst so stoische Pferd sich vor Begeisterung kaum halten kann.

Reiterin und Pferd schwimmen im Meer

Nachdem sogar Mocha genug gespielt hat, setzen wir uns zum Trocknen – und die Pferde zum Grasen – auf eine Wiese am Wasser. Ein bisschen Proviant zum Picknicken haben wir natürlich auch dabei, schwimmen macht hungrig. Als am Nachmittag alle wieder trocken sind, machen wir uns entspannt und glücklich auf den Heimweg.

Pferd grast auf Wiese am Meer in NeuseelandPferde und Reiter machen Pause im Schatten eines Baumes am Meer in Neuseeland

Zurück auf dem Hof lasse ich den Abend mit den Pferden auf der Koppel ausklingen. Während sie um mich herum grasen und ihnen der kitschige Sonnenuntergang völlig egal ist, der mich so begeistert, kann ich mein Glück kaum fassen. Ich habe noch drei Wochen hier, in diesem Paradies am anderen Ende der Welt. Und ich weiß schon jetzt: ich werde zurückkommen.

 

 

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4 KOMMENTARE

  1. Hallo Christina.

    Dein Artikel ist richtig schön geschrieben und ich hab jetzt schon wieder Fernweh. Hut ab!
    Ich bin gerade seit zweieinhab Wochen wieder in Deutschland, nach 8 1/2 Monaten Neuseeland. Deine Erfahrungen kann ich absolut nachvollziehen! Ich hab nun nicht auf einem Pferdehof, sondern nur auf einer Kuhfarm gearbeitet, bin aber mit der Frau eines Mitarbeiters auf einen Hof gestoßen, der ehemalige Trabrennpferde unter den Sattel bringt und durfte da dann auch die unendlich schöne Natur Neuseelands vom Sattel aus bewundern.
    LG, Laura

    • Hallo liebe Laura,

      danke für deine netten Worte! =)
      Neuseeland ist wirklich ein Traum, ich hoffe ich schaffe es nächstes Jahr nochmal hin… Bei dir ist die Sehnsucht sicher auch groß, ich erinnere mich, dass ich in der ersten Zeit zurück in Deutschland richtige Anpassungsschwierigkeiten hatte :’D

      Liebe Grüße,
      Christina

  2. Wow, Neuseeland war schon immer mein Traum. Und dann noch mit dem Pferd. Ich war bisher eher skeptisch bei Reiterreisen, da man ja hört, dass die Pferde oft schlecht gehalten werden und nicht gut ausgebildet sind. Das scheint ja hier ein ganz anderes Bild zu sein. Für den nächsten Urlaub werde ich mir das einmal genauer ansehen. LG, Sandra

    • Es ist auch wirklich traumhaft schön dort, wenn du es irgendwie hinbekommst, fahr auf jeden Fall hin! <3
      Ja, mir geht es bei Reiterreisen auch so und ich war wirklich erleichtert, dass der Hof und die Pferde so toll waren. Wie es mittlerweile aussieht weiß ich nicht, meine Reise ist nun schon fast 4 Jahre her, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Zustände groß geändert haben =)

      Liebe Grüße,
      Christina

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