Gelassenheitstraining Pferd

Unsere Pferde müssen im Alltag mit vielen verschiedenen Dingen klarkommen: flatternde Planen auf einem Hänger, bunte Stangen am Boden, klappernde Fahrräder im Wald, hüpfende Bälle und schreiende Kinder sind nur ein paar davon. Dass sie dabei ruhig und gelassen bleiben, wünscht sich jeder Reiter – für ein Fluchttier, das auf Bewegung und ungewohnte Objekte aber erst mal mit Flucht reagieren möchte, ist das keine Selbstverständlichkeit.

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Den Umgang mit gruseligen Objekten und das Vertrauen in die Einschätzung des Menschen kann man aber mit Gelassenheitstraining (oder Anti-Schrecktraining) trainieren. Es macht wenig Sinn, eine Anleitung für verschiedene Dinge (Flatterband, Rascheltüte, Regenschirm, etc.) zu schreiben – denn das Vorgehen ist immer gleich. Welche Dinge Du Deinem Pferd zeigen möchtest, ist ganz Deiner Fantasie und Deinen Bedürfnissen überlassen.

 

So erkundet Dein Pferd Gefahren

Du wirst den Ablauf sicher schon einmal gesehen haben: ein Pferd sieht ein unbekanntes Objekt und weiß nicht, ob es gefährlich ist oder nicht. Es richtet sich auf, spitzt die Ohren und fokussiert das Objekt. Der ganze Körper ist angespannt und fluchtbereit. Vielleicht prustet es sogar. Wenn es alleine ist, muss es sich auf seine eigene Einschätzung verlassen. Sind andere Pferde dabei, wird es sich an ihnen orientieren – besonders aber an dem Pferd, dessen Entscheidungen es vertraut.

Dein Pferd hat drei Möglichkeiten:

  • es entscheidet, dass das Objekt gefährlich ist und flüchtet,
  • es entscheidet, dass das Objekt nicht gefährlich und uninteressant ist und entspannt sich oder
  • es entscheidet, dass das Objekt nicht unbedingt gefährlich und sogar interessant ist und beschließt, es näher zu untersuchen.

Entscheidet sich Dein Pferd dazu, das Objekt zu untersuchen, wird es sich langsam (und eventuell mit Zwischenstopps) annähern. In der Nähe des Objekts streckt es seinen Hals vor und riecht. Es kreist vielleicht um das Objekt und betrachtet es aus allen Winkeln oder es tritt sogar dagegen.

 

So gewöhnst Du Dein Pferd an gruselige Dinge

Wie immer gibt es nicht den einen perfekten Weg für alle. Deshalb werde ich drei verschiedene Ansätze vorstellen, wie man sein Pferd an neue Objekte annähern kann. Dabei ist keiner grundsätzlich besser als der Andere – es kommt auf Dein Pferd an, welcher besser passt und funktioniert!

Ein paar Dinge gibt es, die Du in keinem Fall machen solltest, wenn Dein Pferd sich vor etwas gruselt:

  • Loben: ich weiß, ein vermeintlich beruhigender Streichler ist manchmal schwer zu unterdrücken. Im Endeffekt belohnst Du damit aber die (aufgeregte) Art wie Dein Pferd mit Angst umgeht. Du lobst, also lernt Dein Pferd, dass genau das Verhalten, das es in dem Moment zeigt, erwünscht ist.
  • Das Objekt völlig ignorieren: damit fällst Du bei Deinem Pferd als Vertrauensperson durch – denn in seinen Augen siehst Du ja nichtmal die Gefahr.
  • Strafen und Zwingen: Dein Pferd mit Gewalt zum Objekt oder am Objekt vorbei zu prügeln verstärkt seine Angst. Beim nächsten Mal wird es nur noch nervöser sein.

 

Gelassenheitstraining: Der “Basis-Ansatz”

Verhalte Dich so, dass Dein Pferd Dich verstehen kann. Wenn Dein Pferd eine vertrauensvolle Beziehung zu Dir hat, wird es sich an Dir orientieren. Bleibe also ruhig und entspannt und erkunde das Objekt gemeinsam mit Deinem Pferd – und zwar so, wie Pferde es tun:

  • Schaue das Objekt gemeinsam mit Deinem Pferd aus der Ferne an.
  • Gehe – vor Deinem Pferd – langsam auf das Objekt zu. Mache dazwischen Pausen, in denen Du stehen bleibst, wenn Du merkst, dass Dein Pferd ängstlicher wird. Arbeite Dich so langsam und schrittweise zum Objekt vor.
  • Umkreise das Objekt mit Deinem Pferd und schaue es Dir an.
  • Berühre das Objekt und warte, ob Dein Pferd es auch beriechen oder berühren mag.
  • Bleib immer ruhig, auch wenn Dein Pferd sich aufregt. Wenn es am Strick herumtänzeln will, dann lass das zu. Nur herumziehen sollte es Dich nicht.
  • Lobe Dein Pferd, wenn es das Objekt berührt. Wichtig: das Lob muss zum richtigen Zeitpunkt kommen! Man ist schnell zu spät und lobt, wenn das Pferd schon wieder an Rückzug denkt – also Vorsicht.

Insgesamt versuchst Du also Deinem Pferd zu vermitteln, dass es sich auf Dein Urteil verlassen kann, und dass keine Gefahr besteht, solange Du ruhig bleibst.

 

Gelassenheitstraining: Der (Natural) Horsemanship-Ansatz

Das Prinzip ist immer das Gleiche, egal mit welchem Hilfsmittel Du das Training durchführst und auf welcher Schwierigkeitsstufe Du bist.

Du hast Dein Pferd am Halfter und hälst in einer Hand den Strick (mit genügend Abstand, wie im Artikel zum richtigen Führen erklärt). Wenn Dein Pferd ausweicht oder rückwärts geht, darf es das tun und Du gehst mit. Es geht nicht darum das Pferd zum Stillstehen zu zwingen, es darf seine Füße bewegen wie es möchte. Es geht darum, mit seiner Psyche zu arbeiten und ihm zu zeigen, dass von dem Objekt keine Gefahr ausgeht.

Du solltest beim Gelassenheitstraining in der Regel in etwa auf Schulterhöhe Deines Pferdes stehen, ca. 50 bis 100cm von ihm entfernt. Dein Körper ist leicht zu ihm gedreht, mit Blickrichtung zur Kruppe. So hast Du Dein Pferd im Auge ohne ihm Deinen ganzen Oberkörper zuzudrehen. In dieser Position sollte Dein Pferd Dich im Ernstfall nicht ohne Vorwarnung treten können. Es kann durchaus vorkommen, dass ein Pferd mal nach dem Strick tritt wenn er dem Hinterteil zu nahe kommt – da willst Du nicht zu nahe dran stehen.

So lange Dein Pferd vor dem was Du tust wegläuft (Seil schwingen, Tüte rascheln, etc.) läufst Du ruhig mit und machst weiter. Sobald es stehen bleibt hörst Du auf – und zwar noch in der gleichen Sekunde! Dann gibst Du Deinem Pferd eine kleine Pause in der es nachdenken kann.

Dein Pferd soll erkennen, dass das Objekt weggeht, wenn es stehen bleibt. Das Pferd hat also “Macht” über das gruselige Objekt und kann es mit seinem Verhalten beeinflussen.

Pferde lernen nicht durch Druck – sie lernen (unter anderem!) durch das Wegnehmen von Druck. Dein Pferd wird sich also fragen, warum das Objekt verschwunden ist und was es getan hat um das zu verursachen. Deshalb ist es auch so wichtig, dass Du nicht aufhörst während Dein Pferd noch wegläuft. Da würde es sich nämlich denken “Aha! Ich muss nur möglichst schnell oder lange genug wegrennen und das Gruselding verschwindet”. Wenn Du alles richtig machst wird es stattdessen irgendwann denken “Aha! Ich muss nur stehen bleiben und das Gruseding verschwindet!”.

Entscheidend ist also, dass Du zum richtigen Zeitpunkt das Objekt wegnimmst (wenn Dein Pferd steht), damit Dein Pferd das Richtige lernt.

Wenn Dein Pferd brav stehen bleibt, kannst Du zur nächsten “Stufe” übergehen: Du bringst das Objekt weiter näher und wartest diesmal darauf, dass Dein Pferd entspannt. Wenn es zum Beispiel mit den Augen blinzelt oder sogar den Kopf senkt ist das ein Zeichen der Entpannung. Dann nimmst Du das Objekt wieder sofort weg. Dein Pferd lernt: “Aha! Wenn ich entspanne werde ich in Ruhe gelassen!”.

Wenn Du auf beiden Seiten des Pferdes das Objekt annähern kannst, ohne dass es mit einer Wimper zuckt, beendest Du das Training und Dein Pferd hat bis zum nächsten Mal Denkpause.

Hier kannst Du Dir das Vorgehen mit einer Plastiktüte ansehen:

Überfordere Dein Pferd nicht! Mache lieber kurze Einheiten mit vielen Denkpausen, Du musst nicht tausend Objekte in einer Sitzung durchnehmen. Es reicht, wenn Dein Pferd eins gut macht, darauf kannst Du dann in der nächsten Einheit aufbauen.

 

Gelassenheitstraining: Der Clicker-Ansatz

Mithilfe der positiven Verstärkung kannst Du das Objekt für Dein Pferd positiv belegen. Hier gehst Du im Prinzip ganz ähnlich vor wie beim Horsemanship-Ansatz. Zum Beispiel:

  • Zeige Deinem Pferd das Objekt. Wenn es in seine Richtung schaut gibt es Click und Belohnung.
  • Im nächsten Schritt kommt Click und Belohnung wenn Dein Pferd sich dem Objekt annähert (auch wenn es nur minimal ist) – z.B. mit der Nase.
  • Danach gibt es Click und Belohnung, wenn Dein Pferd das Objekt berührt.
  • Dann Click und Belohnung, wenn Du das Objekt anfassen und Deinem Pferd annähern darfst.
  • Als nächstes Click und Belohnung, wen Du Dein Pferd mit dem Objekt berühren darfst.
  • Danach Click und Belohnung, wenn Dein Pferd entspannt, während Du es mit dem Objekt berührst.
  • usw.

Beim Clickertraining muss man jede Aufgabe in viele kleine Einzelschritte zerlegen. Wenn etwas nicht klappt, geht man einen Schritt zurück oder überlegt sich, wie man die Aufgabe noch weiter aufteilen kann. Clickertraining ist also sehr individuell und unheimlich flexibel, deshalb ist es schwer, einen allgemeingültigen Weg zu beschreiben.

Auf Ponyliebe.com gibt es ein schönes Fallbeispiel zum Thema “mit dem Schlauch abspritzen”, in dem das kleinschrittige Vorgehen gut beschrieben wird.

 

Zusammengefasst

Es gibt nicht den einen richtigen Weg für Gelassenheitstraining, sondern Du musst ausprobieren, was für Dein Pferd gut funktioniert. Grundsätzlich:

  • Zwinge Dein Pferd nicht mit Gewalt, sondern vermittle ihm Sicherheit und Ruhe.
  • Erkunde gruselige Objekte gemeinsam mit Deinem Pferd und ignoriere sie nicht einfach nur.
  • Gehe immer mit Gelduld und in vielen kleinen Schritten vor.
  • Arbeite an der Beziehung zu Deinem Pferd! Wenn Du eine vertrauensvolle Beziehung zu ihm hast, wird es sich stärker an Dir orientieren und schauen, was Du tust. Du kannst Deinem Pferd nicht jedes einzelne, potentiell gruselige Objekt im Voraus zeigen. Je mehr Dein Pferd Deiner Einschätzung vertraut, desto gelassener wird es auf Neues reagieren, wenn auch Du ruhig bleibst.

 

Ist Dein Pferd eher ein Angsthase oder super mutig? Wie gehst Du vor, wenn Du ihm etwas Neues zeigst?

 

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13 KOMMENTARE

  1. Hi Christina!
    Ich habe ein Problem mit meinem Shettyhengst. Seit ein paar Monaten will er nicht mehr galoppieren…egal ob ich ihn führe oder reite (ich glaube deshalb nicht dass ich ihm zu schwer oder zu groß bin). Ich hab schon vieles probiert, aber ich will ihm weder die Beine in den Bauch rammen, noch mit der Gerte schlagen, das finde ich nämlich zu brutal😠 Vor ein paar Monaten war noch alles okay und ich kann mich an keine schlechte Erfahrungen erinnern. Klar er ist dickköpfig, aber das sieht ihm einfach nicht ähnlich, weil er am Galopp eigentlich immer Spaß hatte. Hast du vielleicht eine Idee?
    Ella

    • Hallo liebe Ella,

      so per Fendiagnose ist das leider sehr schwer. Ich würde als erstes mal einen Osteopathen oder Physiotherapeuten rufen, vielleicht hat er eine Blockade oder es tut ihm etwas weh…

      Liebe Grüße,
      Christina

  2. Hallo ihr lieben, vielen dank für diesen Ideenfundus, mein Wallach ist leider vom Boden aus meist recht mutig nur im Sattel führt er sich ziemlich nervös auf, wobei er wiederum im Gelände sehr gelassen ist…habt ihr dazu Vlt. Noch Ideen?
    LG Alex

    • Hallo liebe Alex,

      vielleicht kombinieren: einer macht das Gelassenheitstraining wie immer vom Boden aus, der andere sitzt im Sattel. Und dann zieht sich der am Boden nach und nach zurück. Oder am Boden öfter mal deinen Wallach vorschicken zum alleine Erkunden, damit er lernt, dass er das auch selbst kann und nicht unbedingt dich an seiner Seite braucht =)

      Liebe Grüße,
      Christina

  3. Hallo zusammen,
    unterstützend wollte ich anmerken, dass es nützlich ist, dem Pferd in gewissen Situationen das Kopfabsenken (auf Kommando oder Geste) beizubringen.
    Diese Übung hat uns schon mehrfach aus stressigen Situationen herausgeholt, BEVOR es richtig risant wurde.

    Ansonsten hat sich für uns der Horsemanship-Ansatz als sehr plausibel und verständlich fürs Pferd erwiesen.
    Er VERSTEHT, wenn er die Dinge betrachten, beriechen, ggf sogar beschnullern darf.
    ICH musste allerdings lernen, beim “aufdrehenden” Pferd mit der Konfrontation weiter zu machen, bei einkehrender Ruhe belohnende Pause einzulegen. Intuitiv würde ich es eigentlich umgekehrt machen.

    Und wie bei jeder Kommunikation mit Tieren ist es wichtig, SOFORT lobend zu reagieren- da ist das Timing wichtig. Aber das war ja im Artikel drin.

    Liebe Grüße
    Silke

    • Hallo Silke,

      vielen Dank für die Ergänzung! Da kann ich dir nur voll und ganz zustimmen, das Kopfsenken ist wirklich eine tolle Übung.
      Das instinktive Zögern davor, weiter in Konfrontation zu gehen, kann ich gut nachvollziehen. Es müssen eben wie immer nicht nur die Pferde lernen, sondern vor allem auch wir selbst =)

      Liebe Grüße,
      Christina

    • Ich danke dir für deinen Kommentar! Da hatte ich meine Gedanken nicht klar genug beschrieben, habe den Artikel jetzt nochmal entsprechend angepasst =)

  4. Hallo Christina,

    schöner Artikel. Dankeschön dafür.
    Allerdings setzt sich mittlerweile ja die Meinung durch das man Angst und Angstverhalten nicht mit Lob oder Leckerchen bestärken kann. Viele Pferdemenschen berichten sogar vom Gegenteil. Das sich das Pferd eher beruhigt und eher entspannt wenn man es mit Lobworten oder auch Leckerlie versucht zu beruhigen. Da die Pferde wohl anscheinend die Situation mit etwas angenehmen verknüpfen und dadurch merken das er gar nicht so extrem schlimm ist wie erst angenommen.

    Die Pferdeflüsterei hat hierzu einen Artikel bei Facebook gepostet von Sylvia Czarnecki.
    Ich weis nicht ob der Link hier funktioniert:
    https://www.facebook.com/pferdefluesterei/posts/574452712736956

    Was meinst du dazu?

    Liebe Grüße und Danke

    • Hallo Florence,

      den Beitrag habe ich bei Sylvia schon gelesen =)
      Was Verhaltensbiologie angeht hat Sylvia sicher mehr Ahnung als ich, da möchte ich ihr nicht wiedersprechen. Mir ging es nicht draum zu schreiben, dass Lob und Belohnung die Angst verstärkt – das glaube ich nämlich auch nicht. Ich dachte eher daran, dass man das Verhalten, dass das Pferd zeigt (nicht die Angst) bestärkt und ihm damit sagt “genau, in der Situation rennst du am Besten weg, hier hast du noch ein Leckerli”. Ich denke wie immer muss man selbst herausfinden, was bei seinem Pferd am Besten passt und funktioniert, allgemeingültige Lösungen werden nur schwer zu finden sein =)

      Liebe Grüße,
      Christina

  5. Liebe Christina,

    ein toller Artikel. :) Chicky ist eher super mutig, viel kann sie mit ihren 21 Jahren nicht mehr erschrecken.

    Vor längerem ist allerdings einmal ein Rabe im Baum hängen geblieben. Der Rabe schrie ganz laut und ein ganzer Schwarm umkreiste ihn. Diese Szene hatte etwas sehr unheimliches!

    Wie du bereits schreibst ist es dann wichtig Ruhe zu bewahren und Sicherheit auszustrahlen. Wir haben uns die Raben immer wieder in Ruhe angesehen. Näher heran konnten wir leider nicht…

    Es hat Tage gedauert bis sie an dieser Stelle wieder entspannt vorbeigehen konnte. Aber es wurde jeden Tag besser. :)

    Liebe Grüße
    Claudia

    • Hallo liebe Claudia,

      ui, das klingt ja wirklich wie bei Hitchcock – da kann ich gut verstehen, dass Chicky das gruselig fand :’D
      Ja, ruhig bleiben ist wirklich das A und O…

      Liebe Grüße,
      Christina

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