Vor ein paar Wochen hatte ich die große Freude, ein ganz besonderes Telefongespräch zu führen. Am anderen Ende der Leitung (und in Dänemark), saß mir Simone Hage gegenüber (folge ihr HIER auf Instagram). Simone ist mit ihrer Herde (zwei Konikstuten, einem Hund und ihrer Freundin Valeska samt Pferd) von Bayern bis an die Ostsee und dann alleine weiter nach Dänemark geritten. Eine Reise mit Höhen und Tiefen und vielen wertvollen Erfahrungen. Unser Gespräch hat mich gerührt und lachen lassen, ich habe mitgefühlt und nachgedacht. Simone ist Wildling und Herzensmensch und ich freue mich riesig, sie im Mai bei Pfernetzt 2019 live kennenzulernen!

Bei Pfernetzt wird sie ausführlich von ihrer Reise, ihren Erlebnissen und ihren Erkenntnissen erzählen – einen kleinen Einblick, was so eine Reise mit einem und der Beziehung zu seinen Pferden so macht, gibt es heute schon im Interview!


Christina: Wie bist Du denn auf die Idee gekommen, mit Deinen Pferden von Bayern nach Dänemark zu reiten?

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Simone: Einmal mit dem eigenen Pferd durch die Gischt quer über den Sandstrand fliegen. Völlig frei, den Wind durch die Mähne wehend. Wer von uns hegt diesen Traum nicht? Dieser Traum war tatsächlich mein anfänglicher Antrieb, fernab von unseren Bergen in den hohen Norden aufzubrechen. Mit meiner Herde. Ich wollte dort unbedingt hin, also musste ich eben einfach hin reiten.

Aber fangen wir mal ganz von vorne an: Ich bin seit Jahren als Backpacker auf Reisen und liebe es, mich überall ein Stück weit zu verwurzeln. Mein Motto war, möglichst unabhängig und frei zu leben. Als ich völlig ungeplant den Kaufvertrag meiner Konikstute Coco unterschrieb, machte mein Leben eine deutliche Wendung und ich dachte mir „Jetzt wirst du normal und bleibst einfach zu Hause, kümmerst dich um dein Pony und machst die Schule fertig“.

Das dachte ich damals. Das Reisefieber hat mich wie erwartet allerdings einfach nicht losgelassen, also war schnell klar, ich will das Reisen mit den Pferden verbinden! Damit war die Idee unseres Wanderritts ans Meer geboren. Da so ein Abenteuer mit einem Pferd alleine allerdings nicht fair ist, habe ich Luna gekauft. Sie war ein rohes Wildpferd aus Polen und in ziemlich schlechtem Zustand, aber ich habe vom ersten Gefühl an gespürt „die ist es, die muss mit!“.
Schon früh durfte ich lernen, solchen Gefühlen zu folgen, denn dann passieren die besten Dinge und alles fügt sich wie von selbst!


Wie hast Du Deine Pferde auf eure Reise vorbereitet? Und wie Dich?

Ich selbst habe zu Hause alles Organisatorische geregelt und abgeschlossen, weil ich nicht wusste, wann und ob ich jemals wieder zurück kehre.

Für den Wanderritt an sich habe ich gar kein spezielles Training vollführt. Meine Priorität war, erstmal Luna reitbar zu machen: Sie musste sich anfassen lassen, die Basics lernen und ein gutes Gefühl mit uns Menschen entwickeln.

Zwei Wochen vor Start des Ritts habe ich meine Ponys einander vorgestellt. Am 7. Juni sind wir dann einfach losgeritten: Ich, meine Koniks, Jack der Hund, meine Freundin Valeska und ihr Spanier – unsere eigene, kleine Herde. Die Basics und Abläufe haben zu diesem Zeitpunkt funktioniert, aber ansonsten waren wir überhaupt nicht vorbereitet. Wir haben mit kleinen Tagesetappen von 20 km angefangen und uns langsam auf bis zu 45 km gesteigert. Die Pferde wurden also quasi auf dem Weg trainiert. Das hat super funktioniert, man darf ja auch nicht vergessen, dass Pferde von Natur aus Lauftiere und für solche weiten Strecken gemacht sind. Gerade die Wildpferde können einfach unglaublich viel!

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Hattest Du eure Unterkünfte auf der Strecke vorgeplant oder dann einfach jeden Abend etwas gesucht, wo Du gerade warst?

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Es war gar nichts geplant, wir haben einfach abends in den Dörfern gefragt wer Platz für unsere Ponys hat. Somit waren wir komplett auf die Gastfreundschaft von Fremden angewiesen – und das hat wunderbar geklappt! Ich glaube an das Gesetz der Anziehung und die Theorie, dass wir in anderen Menschen finden, was wir selbst ausstrahlen. Somit war die Suche nach Unterkünften hauptsächlich Arbeit an uns und unseren Glaubenssätzen.

Die Pferde sind meist auf Paddocks oder Wiesen untergekommen und wir haben im Freien oder im Heu übernachtet. Manchmal haben wir die Ponys auf endlos großen Wiesen einfach in fremde Herden stellen dürfen oder sie sind Nachts ihre Koppelnachbarn besuchen gegangen – langweilig wurde es nie für unsere Horde!

Teilweise sind wir noch in den Sonnenuntergang hinein geritten und haben im Dunkeln nach einer Wiese gesucht. Das bedarf einfach Vertrauen ins Leben und die Menschen – und wir wurden nie enttäuscht! Eine Reise wie diese wird gerade durch die Begegnungen mit anderen Menschen magisch, wir müssen uns nur öffnen und Tiefe zulassen.


Was war denn die „spannendste“ Unterkunft die ihr hattet und was die Schönste?

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Je weiter wir in den Norden kamen, desto kurioser wurden die Zäune. Teilweise waren es einfache Gräben oder Seile auf 40cm Höhe, die mich jeden Abend sehr dankbar für unsere Gps-Tracker an den Pferden werden ließen.

Negative Erlebnisse hatten wir eigentlich kaum. Natürlich gab es auch „gruselige“ Bauern mit ganz komischer Aura, aber das war nicht die Regel. Nur einmal hatten wir ein schlechtes Erlebnis mit fremden Pferden auf der Koppel neben unseren, die durch den Zaun stürmten und unsere Ponys blutig gejagt und gebissen haben. Ein 1,80 Warmblut mein kleines Pony im Galopp zu Boden drücken zu sehen war der blanke Horror für mich… Zum Glück hatte gerade Luna einen großen Schutzengel an ihrer Seite! Diese Nacht war mir eine große Lektion, die Finger von Dingen mit schlechtem Bauchgefühl zu lassen. Shit keeps happening, till we learn!

Unsere schönste Unterkunft war unsere letzte gemeinsame in einem Naturschutzgebiet bei Lübeck, dort konnten wir die Pferde frei mit Schafen auf einer riesigen Wiese laufen lassen und direkt bei ihnen schlafen. Es war ein Traum morgens mit den Pferden in einer solchen Kulisse wach zu werden!


Welche Gegenstände sind auf so einem Ritt am Nützlichsten? Welche hättest Du auch zu Hause lassen können?

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Wir waren extrem minimalistisch mit zwei kleinen Vorderpacktaschen unterwegs. Am wichtigsten waren für mich Trinkflaschen, Taschenmesser, Baumwollzügel und Equizaum. Damit hat man Halfter, Trense und Kappzaum in einem, das spart einfach unglaublich viel Gepäck. Ansonsten natürlich eine kleine Erste Hilfe Tüte für Mensch und Pferd mit Arnika und Kaschmida Elixier gegen Koliken.

Je weniger Gepäck du hast, desto freier bist du!


Was waren eure größten Herausforderungen?

Die größten Herausforderungen sind die, die aus uns selbst kommen. Auf so einer Reise muss man lernen, nicht stetig alles unter Kontrolle haben zu können, Dinge geschehen zu lassen, das Leben machen zu lassen und auch mal emotional loszulassen. Gerade bei der Unterkunftssuche muss man lernen darauf zu vertrauen, dass schon alles gut wird. Und wenn unser Glaube daran komplett überzeugt ist, funktioniert es auch ganz sicher!

Eine weitere Herausforderung war natürlich, so viel Zeit so intensiv mit einem anderen Menschen und den Tieren zu verbringen. Meine beste Freundin Valeska war mit uns bis zur Ostsee unterwegs, das ist zwar ein absoluter Traum, aber ganz klar geht man sich da auch mal auf die Nerven und es ist nicht immer einfach, alle Wünsche und Bedürfnisse zu vereinen. Ich glaube, so ein Abenteuer bringt Menschen entweder auseinander oder macht unzertrennbar.

Auch mit den Tieren ist es manchmal nicht einfach, gerade wenn die Pferde unterschiedliche „Wohlfühltempi“ haben und man eins permanent bremsen und das andere permanent anfeuern muss. Das geht einem dann schon manchmal auf die Nerven und man vergisst, was für ein Geschenk es ist, so viel Zeit mit seinen Pferden verbringen zu können und solche Erfahrungen mit ihnen zu teilen. Nähe kommt eben manchmal doch mehr durch Distanz.

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Nachdem wir an der Ostsee angekommen waren, haben sich unsere Wege vorerst getrennt und ich bin allein in die letzten 500 km aufgebrochen – mit zwei jungen Pferden und einem Hund. Das war definitiv nicht immer einfach und manchmal echt nervenraubend, aber wir haben es geschafft und ich habe so viel von denen gelernt!

Ich erinnere mich noch ziemlich klar an einen Abend, als ich alleine am Meer saß und nicht wusste, wohin es als nächstes gehen sollte. Mein ursprüngliches Ziel in Norwegen hatte sich gerade wegen diverser Umstände in Luft aufgelöst und ich hatte die endlose Freiheit zu entscheiden, wie es weitergehen soll. So viel Freiheit bringt aber auch viel Unsicherheit und Ungewissheit… Also saß ich abends am Meer mit meinem Kompass, mir standen alle vier Himmelsrichtungen offen und ich wusste nicht wohin als nächstes – wie so oft im Leben.

Ich glaube, das ist generell eine der größten Herausforderungen unserer Menschheit: In dem Meer voller endloser Möglichkeiten unseren eigenen Weg zu finden! Mein Gefühl formte sich an diesem Abend zu dem Drang nach Dänemark weiter zu ziehen. Um nicht noch mehr Zeit zu vergeuden brach ich gleich am nächsten Morgen auf – immer gen Norden! Voller Vertrauen, dass das Universum schon auf uns aufpasst.

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Wie haben sich Deine Pferde bzw. eure Beziehung auf der Reise verändert?

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Unsere Beziehung hat sich total verwandelt! Wer so viel Zeit miteinander verbringt, baut eine unglaublich intensive Verbindung auf. Man wird zur Herde. Wir wurden eine Herde. Als Mensch ist man Teil der Herde, völlig egal, dass man kein Pferd ist. Die Herde trägt alles mit, jeder ist mit den anderen verbunden. Das wurde teilweise sogar körperlich, Sillero hatte eines Tages ein entzündetes Auge, am nächsten Morgen hatte Valeska eine Augenentzündung. Oder ich hatte Bauchweh und am nächsten Tag bangte ich um meine kolikende Luna.

Teilweise wird es irrelevant zu sprechen oder physische Signale zu geben, allein der Gedanke genügte. Wir wurden vom Leittier Mensch zum Herdenmitglied.

Dieses Gefühl bescherte uns die schönsten Erinnerungen überhaupt, eine davon fand mitten im Harzer Wald statt. Unsere Herde war komplett frei, Luna marschierte mit dem Gepäck vornweg, wir saßen auf Sillero und Coco. Plötzlich setzte die Herde sich in Bewegung und die Pferde donnerten einen schmalen Pfad den Berg hinauf. Ein kurzer Blick und wir wussten beide: „Let them free!“. Wir hätten binnen Sekunden durchparieren können, aber warum müssen wir immer alles unter Kontrolle haben, wenn die Gegebenheiten passen? Es wäre vernünftig. Aber um vernünftig zu sein, lieben wir den wehenden Wind in unseren Mähnen zu sehr. Wir waren frei, einfach frei!

Es ist ganz klar, dass diese Freiheit nur durch gewisse Rahmenbedingungen möglich ist und wir Menschen die Ausrüstung erst ablegen dürfen, wenn das Pferd auch ohne mechanische Einwirkung jederzeit anzuhalten ist. Das beruht auf viel Training, Vertrauen und Vorsicht. Sowas geht nicht immer und überall und kann nicht erzwungen werden, aber manchmal ist es lohnenswert seinen Rahmen zu weiten, loszulassen und zu vertrauen.


Was waren die schönsten Momente auf der Reise?

Die Ankunft am Meer! Alle 4 Tiere heil nach oben gebracht zu haben und sie alle so strahlen zu sehen. Es wird noch Monate dauern bis ich realisieren kann, was wir da eigentlich gemacht haben. Ganz glauben werde ich es wahrscheinlich nie können. Zum Glück haben wir unsere Tagebücher, all die Fotos und so viele Erinnerungen, wie im Galopp durch den Sand zu fliegen und die Gischt der Wellen im Gesicht zu spüren, das ist pures Leben!

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Vielen herzlichen Dank für das spannende Interview liebe Simone, ich freue mich riesig Dich bei Pfernetzt 2019 wiederzusehen und ganz viel zu quatschen und zu lachen!

Du willst Simone auch treffen und mehr über ihr Abenteuer hören? Dann komm auch zu Pfernetzt! Wir freuen uns auf ganz viele gleichgesinnte Pferdemenschen mit Herz!

 


 

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